Brahms, Johannes

Violin Concerto / Double Concerto

Erik Schumann (Violine), Mark Schumann (Violoncello), Nürnberger Symphoniker, Ltg. Alexander Shelley

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics 0300595 BC
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 77

Der Ton ist weich, aber nicht ver­we­ich­licht; er kann aber auch gleißend strahlen im eige­nen Klang­glanz. Doch der Gesamtein­druck, den Erik Schu­mann, sein jün­ger­er Brud­er Mark und die Nürn­berg­er Sym­phoniker mit dem aus Lon­don gebür­ti­gen Diri­gen­ten Alexan­der Shel­ley ver­mit­teln, bleibt san­ft und lyrisch ges­timmt. Das liegt zum einen an der Auf­fas­sung des/der Solis­ten, zum anderen aber auch an der Leitung bei­der Stücke: Shel­ley, damals 30-jährig als Shoot­ingstar 2009 in die Franken­metro­pole gekom­men, achtet auf Mäßi­gung, auf poet­is­che Akzente sowie auf ein inspiri­ertes Bin­nen­kli­ma. Das passt gut zu Brahms. Oder anders gesagt: Das Klis­chee des grum­mel­nden, sog­ar düsteren Wag­n­er-Antipo­den wird nicht bedi­ent. Brahms klingt in bei­den Kom­po­si­tio­nen ins­ge­samt fre­undlich, fried­fer­tig und weltof­fen, lebens­be­ja­hend und vor allem zuver­sichtlich.
Das dreisätzige, klas­sisch tem­perierte Vio­linkonz­ert (1878) mit dem dominieren­den ersten, lan­gen Satz (Alle­gro non trop­po) genießt Solist Erik Schu­mann als dankbare Folie für fast alle geigerischen Qual­itäten. Das Ver­hält­nis von tech­nis­ch­er Brisanz und leuch­t­en­der Farbe stimmt
bei ihm. Das Ada­gio kön­nte ihm ein „pri­vates“ Anliegen sein – Schu­mann wiegt sich geschmei­dig in der Par­ti­tur des Miteinan­ders. Solospiel und Orch­ester reiben sich har­monisch aneinan­der, wohl wis­send (Diri­gent!), dass sie sich wech­sel­seit­ig brauchen.
Etwas eck­iger, auch rhyth­misch pointiert­er klingt die „Sin­fo­nia con­cer­tante“, bei der sich Brahms ver­mut­lich an Anto­nio Vival­di oder sog­ar Lud­wig van Beethoven (Tripelkonz­ert) ori­en­tiert. Wobei Brahms die bei­den Solo-Instru­mente miteinan­der spielerisch verzah­nt: Sie atmen in ein­er zupack­enden Vital­ität und in ein­er liebenswürdi­gen Grund­hal­tung – und ver­strö­men den jew­eili­gen Respekt vor­einan­der. Dieses Konzept wird bei den bei­den „Schu­manns“ kon­se­quent ange­wandt. Die bari­tonale Ele­ganz beim Cel­lis­ten und die stu­pende Glut des Geigers begeg­nen sich fre­und­schaftlich. Das „Con­cer­tante“ wird von bei­den und schließlich auch vom Drit­ten (eben dem Diri­gen­ten) tadel­los als Pflicht begrif­f­en.
Die Nürn­berg­er Sym­phoniker erweisen sich ein­mal mehr als angemessen im Umgang mit dem Tut­ti-Klang und mit den feineren Ner­ven der solis­tisch geprägten Pas­sagen. Im Ver­hält­nis zu den bei­den Solo-Stre­ich­ern drän­gen sie niemals nach vorn, son­dern grundieren das gesamte Brahms’sche Roman­tik-Gemälde bei­der Werke.
Jörg Loskill