Aram Khachaturian

Violin Concerto/Concerto Rhapsody

Antje Weitaas (Violine), Staatsorchester Rheinische Philharmonie, Ltg. Daniel Raiskin

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 73

Mit seinem „Säbeltanz“ aus dem Bal­lett Gayaneh wurde der armenisch-sow­jetrussis­che Kom­pon­ist welt­berühmt; sein Bal­lett Spar­takus gilt Bal­let­tkundi­gen als her­aus­ra­gend. Danach ver­liert sich sein Werk im Dunkel des Unaufge­führten. Da half auch nicht, dass Stan­ley Kubrick Chatschatur­jans Gayaneh-Suite für seine Odyssee 2001 im Wel­traum ver­wen­dete.
Ein­mal mehr zeigt das vor­liegende Vio­linkonz­ert, dass es sich wirk­lich lohnt, den Blick zu weit­en, zumal der Wid­mungsträger und Solist bei der Urauf­führung 1940 David Ois­tra­ch war. Denn ger­ade im 20. Jahrhun­dert sind Kom­pon­is­ten, die eben­so „volk­snah“ wie dif­feren­ziert schrieben, eher rar gesät. Und das ist bei Chatschatur­jan exem­plar­isch der Fall, wom­it er in eine gewisse Nähe zu Nino Rota und Ennio Mor­ri­cone rückt. Das mag hier auch damit zu tun haben, dass das Vio­linkonz­ert über weite Streck­en aus ein­er Film­musik (Pepo, 1935) stammt, wie sich dem fachkundig aus­geze­ich­neten, hem­mungs­los über­fordern­den Book­let ent­nehmen lässt, das sog­ar mit eini­gen Noten­beispie­len aufwartet.
Aber zu jen­er Zeit war die Film­musik auch noch eine andere, und im sow­jetis­chen Rus­s­land sowieso. Das Volk­sna­he ver­dankt sich bei dem Arme­nier weniger dem Genre als vielmehr ein­er grund­sät­zlich folk­loris­tis­chen Schreib­weise, die aus eige­nen Leben­szusam­men­hän­gen erwach­sen und dementsprechend dif­feren­ziert aus­geprägt ist. Weniger ist die For­men­sprache orig­inell, die sich am Sonaten­denken anlehnt und dies nachvol­lziehbar dif­feren­ziert, als vielmehr die The­mengestal­ten selb­st; ihre orches­trale Behand­lung und vor allem die Insze­nierung des Soloin­stru­ments beza­ubern.
In den aus­gedehn­ten Solopas­sagen entste­ht eine nahezu magisch virtuo­se Intim­ität, die von Antje Wei­thaas stets mit Leicht­füßigkeit und Geschmei­digkeit vor­ge­tra­gen wird, ohne jemals in den leeren Ges­tus der Vir­tu­osin zu ver­fall­en. Sie spielt mit dem Orch­ester, ord­net sich unter, erhebt sich, geht ein kam­mer­musikalis­ches Duo mit der Klar­inette ein, das nie eine Ran­gord­nung erah­nen lässt und stattdessen dem Charak­ter gemein­samen Musizierens treu bleibt. Daie aber ist auch dem Orch­ester zu danken und seinem Diri­gen­ten Daniel Raiskin. Gemein­sam erzeu­gen sie eine höchst dif­feren­zierte und fein zise­lierte Klangfläche, worin die Viel­far­bigkeit der Instru­men­ta­tion und die sehr dezent geset­zten rhyth­mis­chen Pointen sauber und zugle­ich „groovy“ her­aus­gear­beit­et sind.
Anders dann die abschließende Konz­ertrhap­sodie von 1961, ein Auf­tragswerk für Leonid Kogan, die mit großem vir­tu­osen Ges­tus und klan­glichen Raf­fi­nessen aufwartet und sich in schwindel­er­re­gende Klangstrudel beg­ibt. Auch hier scheint die Instru­men­ta­tion film­musikalisch inspiri­ert, als hätte Bern­hard Her­rmanns Ver­ti­go Pate ges­tanden. Doch anders als im inti­men Konz­ert erhebt sich das Soloin­stru­ment in der Rhap­sodie über das Orch­ester, ist ganz weit vorn und zieht förm­lich mit bers­ten­der Expres­siv­ität in den eksta­tis­chen Sog des Klanggeschehens hinein.
Eine außergewöhn­liche, eine her­vor­ra­gende Leis­tung des gesamten Teams.

Stef­fen A. Schmidt