Richard Strauss

Violin Concert/Aus Italien

Robert Kowalski (Violine), Orchestra della Svizzera italiana, Ltg. Markus Poschner

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 72

Das Vio­linkonz­ert von Richard Strauss zählt noch nicht zu den Werken, in denen der Kom­pon­ist seinen eige­nen Ton gefun­den hat. Aus ihm kann man Mendelssohn, sich­er auch Mozart und manch­mal Schu­mann her­aushören. Doch erstaunlich ist die kom­pos­i­torische Meis­ter­schaft des erst 18-Jähri­gen.
Dies wird ins­beson­dere in der Inter­pre­ta­tion durch Robert Kowal­s­ki, dem Solis­ten dieser Neuein­spielung, deut­lich. Er formt die Motive und The­men klar, rhyth­misch präzise, deut­lich artikuliert, und zugle­ich schafft er Zusam­men­hänge, Span­nungs­bö­gen und wan­delt den Klang sein­er Guadagni­ni far­ben­re­ich von heller Klarheit der E-Saite bis zum dun­klen bas­sar­ti­gen Klang auf der G-Saite ab. So wird deut­lich, dass der junge Strauss nicht nur von der Roman­tik, son­dern vor allem von der Klas­sik geprägt war.
Kowal­s­ki formt in den schnellen Sätzen die oft höchst vir­tu­osen Läufe zu deut­lich wahrnehm­baren Motiv­en. Markus Poschn­er set­zt mit dem Orches­tra del­la Svizzera ital­iana deut­liche rhyth­mis­che Akzente und erre­icht zwis­chen Solist und Orch­ester eine überzeu­gende Homogen­ität. Im Lento spielt Kowal­s­ki mit ruhigem Atem ein ein­dringlich­es „Lied ohne Worte“, das vom Orch­ester mit war­men Klang begleit­et wird, und im Schluss-Ron­do ein witzig-spritziges Presto, das auf den Till Eulen­spiegel vorausweist.
So gelun­gen das Vio­linkonz­ert ist, so wenig überzeugt in dieser Ein­spielung Aus Ital­ien. Gewiss, Markus Poschn­er und sein Orch­ester beein­druck­en an vie­len Stellen mit schat­tierungsre­ich­er Klang­malerei, etwa am Anfang des 1. Satzes, „Cam­pagna“, in dem Strauss mit Klangflächen und dis­so­nan­ten Klan­grei­bun­gen eine bedrohliche Stim­mung entste­hen lässt, oder im 3. Satz, „Am Strand von Sor­rent“, wo die flir­ren­den Sex­tolen in den Holzbläsern und Vio­li­nen an Debussys Impres­sion­is­mus erin­nern. Solch sta­tis­che, klang­ma­lerische Musik überzeugt in dieser Inter­pre­ta­tion.
Doch wenn nach dem Anfang des 2. Satzes, „In Roms Ruinen“, mit den Trompe­tensignalen über den tiefen Klän­gen die Vio­li­nen mit ihrer vor­wärt­streiben­den Melodie ein­set­zen und ein dynamis­ch­er Steigerung­sprozess begin­nt, wird der Klang des Orch­esters allzu intrans­par­ent, und dabei bleibt unge­hört, dass Strauss in Aus Ital­ien nicht nur auf ger­adezu impres­sion­is­tis­che Weise die Klang­malerei für sich ent­deckt hat, son­dern auch die Orch­ester­poly­fonie.
Was beim Vio­linkonz­ert so gut gelun­gen war, hätte hier nicht aufgegeben wer­den dür­fen: klare Artiku­la­tion, ein trans­par­enter Orch­esterk­lang, in dem alle Stim­men durch­hör­bar sind. Jeden­falls klingt dieses Aus Ital­ien an manchen Stellen zu sehr nach einem „Orch­ester­schinken“!
Lei­der ver­söh­nt auch der Schlusssatz den Hör­er nicht: Vielle­icht wäre es gut gewe­sen, wenn sich Markus Poschn­er etwas mehr mit pop­ulär­er ital­ienis­ch­er Musik beschäftigt hätte. Dann hätte man das Lied Funiculì, Funiculà über die Vesuv-Stand­seil­bahn und Anklänge an die Taran­tel­la her­aus­ge­hört…
Franzpeter Mess­mer