Werke von William Walton, Max Bruch und Arvo Pärt

Violakonzerte

Nils Mönkemeyer (Viola), Bamberger Symphoniker, Ltg. Markus Poschner

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 68

Der Klangcharak­ter der Vio­la scheint auf Elegien, Melan­cholie und Trauer fest­gelegt zu sein; so dachte man wenig­stens lange und dies mag auch ein­er der Gründe sein, warum das öffentlich gespielte soli­tis­che Reper­toire für Vio­la ziem­lich über­schaubar ist. Diese Fes­tle­gung geschah im 19. Jahrhun­dert. Zuvor war die Vio­la viel bre­it­er aufgestellt. So ist der Vio­la­part in Mozarts Sin­fonie con­cer­tante keineswegs nur elegisch. In der Mod­erne wur­den diese roman­tis­chen Vio­lak­lis­chees bei­seite geschoben. Nils Mönke­mey­er zeigt in seinem neuen Album, was dieser „Auf­bruch zur Mod­erne“ für die Vio­la bedeutet.
Max Bruchs Romanze und auch die Kol Nidrei-Bear­beitung für Bratsche, die noch größ­ten­teils dem Vio­la-Ver­ständ­nis des 19. Jahrhun­derts ver­haftet sind, stellen den Aus­gangspunkt dar. Dage­gen fordert William Wal­tons Vio­lakonz­ert, dessen Urauf­führung Paul Hin­demith spielte, ein Vio­laspiel, das Energie, Beweglichkeit, Klarheit, ja auch Härte besitzt und den­noch zu lyrisch weichen, gesan­glichen Tönen fähig ist.
Nils Mönke­mey­er meis­tert diese Anforderun­gen mit Bravour. Sein Spiel ist zu ein­er Straw­in­sky gemäßen Klarheit, zu rhyth­mis­ch­er Präg­nanz eben­so fähig wie zu einem elegis­chen Lega­to. Dabei „verge­waltigt“ er seine Bratsche nicht, will nicht aus ihr eine Vio­line oder ein Vio­lon­cel­lo machen und bringt ihren Klang in vielfältig­sten Schat­tierun­gen zum Leucht­en.
Man hat Wal­ton, wie all­ge­mein englis­ch­er Musik des 20. Jahrhun­derts, ihren eher „rück­wärts­ge­wandten“, sozusagen spätro­man­tis­chen Charak­ter vorge­wor­fen, vielle­icht, da sie nur schw­er in gängige Stilkat­e­gorien ein­ge­ord­net wer­den kann. Im ger­adezu kam­mer­musikalisch fein abges­timmten Spiel zwis­chen dem Solis­ten und den Bam­berg­er Sym­phonikern wird Wal­tons Musik als ein Werk der Mod­erne inter­pretiert, näm­lich der englis­chen Mod­erne, die Tra­di­tion und Neues miteinan­der verbindet und so ein höchst kom­plex­es Lebens­ge­fühl darstellt, für das die Vio­la prädes­tiniert erscheint.
Es gibt eine mod­erne Musik, die es ver­ste­ht, ein Pub­likum auch außer­halb des speziellen Lieb­haberkreis­es der Neuen Musik anzus­prechen. Dazu gehört auch Fratres von Alvo Pärt. Diese Kom­po­si­tion ist ein­er­seits von der Sta­tik der Dreik­länge, des Rhyth­mus der Klanghölz­er und Großen Trom­mel und ander­er­seits vom Spiel der Solo-Vio­la geprägt, die in Bewe­gung aus­bricht, etwa durch Arpeg­gi oder durch eine in höch­ste Höhen hin­auf­steigende Melodielin­ien. Damit hat sich die Rolle der Vio­la gegenüber der Roman­tik umgekehrt: Erstaunlicher­weise klingt sie hier hell, drückt Freude und Heit­erkeit aus, freilich eine weiche, gle­ich­sam tran­szen­dente Freude, weit weg von weltlichen Vergnü­gun­gen.
Sel­ten eröffnet eine Ein­spielung neuer Hörhor­i­zonte. Dem Album von Nils Mönke­mey­er und den Bam­berg­er Sym­phonikern unter Markus Poschn­er gelingt dies, indem es ein sel­ten gespieltes Reper­toire in ein­er neuen Dimen­sion des Vio­laspiels zu Gehör bringt.
Franzpeter Mess­mer