Alessandro Rolla

Viola Concertos/Symphony in D/Tantum Ergo

Simonide Braconi (Viola), Salvo Vitale (Bass), Il Demetrio, Ltg. Maurizio Schiavo

Rubrik: CD
Verlag/Label: Brilliant Classics
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 62

Alessan­dro Rol­la war zu sein­er Leben­szeit in Ital­ien hochgeachtet als Leit­er des Orch­esters der Mailän­der Scala und als Lehrer am dor­ti­gen Kon­ser­va­to­ri­um. Er schrieb eine große Zahl von Kom­po­si­tio­nen für sein eigenes Instru­ment, die Vio­line, und vor allem für die Vio­la. Die Konz­erte, Sonat­en und Duos für diese bei­den Instru­mente har­ren noch weit­ge­hend ihrer Wieder­ent­deck­ung. Doch eben­so inter­es­sant sind seine Diver­ti­men­ti, Ser­e­naden, Quar­tette und Sin­fonien. Er war mehr als ein kom­ponieren­der Vio­lin­vir­tu­ose. Doch nach seinem Tod geri­et seine Musik im allzu großen Schat­ten Mozarts, Rossi­nis und Pagani­nis in Vergessen­heit.
Heute gibt es erfreulicher­weise einige Inter­pre­ten, die seine Kom­po­si­tio­nen zu neuem Leben erweck­en. Ins­beson­dere ist sein Werk eine lohnende Bere­icherung des Bratschen-Reper­toires, das im 18. und 19. Jahrhun­dert ziem­lich dünn gesät ist. Doch ein­fach ist es nicht, diese zwis­chen Klas­sik und ital­ienis­ch­er Roman­tik ange­siedelte Musik überzeu­gend zu spie­len.
Die neue CD mit Simonide Bra­coni als Solist und dem Kam­merorch­ester „Il Demetrio“ hat einige Schwierigkeit­en, einen stim­mi­gen und überzeu­gen­den Zugang zu find­en. Wer diese Ein­spielung zu einem ital­ienis­chen Pas­ta-Abend auflegt, wird eine stim­mungsvolle, klas­sisch-ital­ienis­che Atmo­sphäre her­beiza­ubern kön­nen und begeis­tert sein. Doch beim genaueren Hin­hören gibt es einige nicht so befriedi­gende Details.
Das Orch­ester lässt bisweilen eine genaue Artiku­la­tion der Motive und Trans­parenz im Klang ver­mis­sen. Bra­coni spielt häu­fig die schnellen Pas­sagen ohne eine erkennbare Struk­tur. Sal­vo Vitale führt seine Bassstimme stel­len­weise etwas unge­nau, wodurch kleinere Unschär­fen der Into­na­tion entste­hen. Diese Män­gel scheinen mir nicht allein tech­nis­ch­er Natur zu sein. Bra­coni ist ein her­vor­ra­gen­der Violavir­tu­ose, Vitale hat eine wohlk­lin­gende Bassstimme und der Diri­gent des Orch­esters, Mau­r­izio Schi­a­vo, ist in barock­er Auf­führung­sprax­is geschult.
Aber ins­ge­samt haben die Musik­er offen­bar noch keinen voll überzeu­gen­den Zugang zu Rol­las Musik gefun­den. Zwar gelingt ihr melodis­ches Spiel wun­der­bar: So überzeu­gen die langsamen Sätze der bei­den Con­cer­ti und der Sym­phonie; hier wird der Gesang des Bel­can­to auf die Instru­mente über­tra­gen. Doch den schnellen Sätze fehlt es an geistvoller Spritzigkeit, an der ganz speziellen ital­ienis­chen Roman­tik, wie sie Rossi­ni geprägt hat.
Dabei kön­nte Rossi­ni ein guter Weg­weis­er für die Inter­pre­ta­tion von Rol­las Musik sein. Immer­hin leit­ete Rol­la die Urauf­führung von Rossi­nis Il tur­co in Italia. Dazu wäre jedoch in den schnellen Sätzen eine Vir­tu­osität der Artiku­la­tion und der rhyth­mis­chen Gestal­tung notwendig, die hier zumeist fehlt. So ist die CD zwar eine ver­di­en­stvolle Bere­icherung des Bratschen­reper­toires, aber kein voll überzeu­gen­des Plä­doy­er für die Wieder­ent­deck­ung des Kom­pon­is­ten Alessan­dro Rol­la.
Franzpeter Mess­mer