Otakar Sevcík

Vierzig Variationen für Violine

op. 3, hg. von Pavel Kudelásek

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 65

Zwar haben Otakar Ševc?íks 40 Vari­a­tio­nen op. 3 bei Weit­em nicht die Pop­u­lar­ität ander­er Etü­den­samm­lun­gen für Vio­line wie zum Beispiel Nic­colò Pagani­nis 24 Caprices erre­icht, doch ste­ht der tschechis­che Geiger und Päd­a­goge min­destens auf ein­er Stufe mit so promi­nen­ten Namen wie Eugène Ysaÿe, Pierre Rode oder Hen­ryk Wieni­aws­ki. Ševcíks Werke mögen heute ins­ge­samt sel­tener öffentlich aufge­führt wer­den, sie sind jedoch unverzicht­bar­er Bestandteil der Aus­bil­dung des vir­tu­osen Geigen­nach­wuch­ses.
Das im Jahr 1894 her­aus­ge­brachte Opus 3 mit seinem schlicht­en The­ma, das in 40 Vari­a­tio­nen mit steigen­dem Schwierigkeits­grad immer kun­stvoller und kon­trastre­ich­er abge­wan­delt wird, ist die kon­se­quente Fort­set­zung des äußerst umfan­gre­ichen Opus 2, der Schule der Bogen­tech­nik, und legt den Schw­er­punkt auf die Tech­nik des Spring­bo­gens. Gefragt ist die absolute Kon­trolle beim „Lan­de­vor­gang“ des qua­si in die Luft gewor­fe­nen Geigen­bo­gens. Die Klangerzeu­gung beim Auf­set­zen des Bogens soll dabei durch schi­er end­los scheinende Wieder­hol­un­gen des­sel­ben Prozess­es auf höch­ste Per­fek­tion getrimmt wer­den. Rep­e­ti­tio­nen, Ket­ten von Sprün­gen und Kon­traste in den Akzen­tu­ierun­gen dienen hier stets nur einem einzi­gen Zweck: die Güte des Geigen­tons zu per­fek­tion­ieren.
Ein paar wenige Male erlaubt der Voll­blut­päd­a­goge Otakar Ševcík in seinen 40 Vari­a­tio­nen etwas „Erhol­ung“ vom Spring­bo­gen – und verzichtet den­noch nicht auf die zum Gestal­tung­sprinzip erhobene musikalis­che Qual­itätssicherung. Die kurzen Ver­schnauf­pausen mit détaché und martelé gestrich­en­em Bogen dienen nur dem Kon­trast und der Vor­bere­itung auf die nächs­te Spic­ca­to-Ral­ly, die bere­its in der fol­gen­den Vari­a­tion wartet. Bei diesen hals­brecherischen tech­nis­chen Her­aus­forderun­gen lässt Ševcík wed­er Dop­pel­griffe, die es von der Klangerzeu­gung her beson­ders in sich haben, noch Arpeg­gien aus, die reak­tion­ss­chnell in Spring­bo­gen­pas­sagen inte­gri­ert wer­den müssen.
Wer es als Geiger durch die 40 von Otakar Ševcík hier niedergeschriebe­nen musikalis­chen Grat­wan­derun­gen geschafft hat, der mag auch das notwendi­ge Selb­st­be­wusst­sein als Kün­stler haben, eine sin­nvolle Auswahl vielle­icht eines guten Dutzends Vari­a­tio­nen aus dem jet­zt bei Bären­re­it­er erschiene­nen Band mit seinen akribis­chen Aus­führungs­beze­ich­nun­gen zu tre­f­fen und sie im Konz­ert dem ein oder anderen Vio­lin­vir­tu­osen­werk ital­ienis­ch­er oder franzö­sis­ch­er Herkun­ft gegenüberzustellen.
Daniel Knödler