Schwanzer, Katharina / Stephanie Heilmann

Vielfalt statt Einfalt

Musikvermittlungsangebote von Orchestern im Überblick

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 07-08/2011 , Seite 25
?Angebote der Musikvermittlung sind aus dem Orchesteralltag nicht mehr wegzudenken. Die meisten Orchester halten inzwischen ein relativ festes Portfolio für junges Publikum bereit, das im "Normalbetrieb" realisierbar ist, zugleich aber die Routine durchbricht und neue Facetten eröffnet. Einen Überblick über die wichtigsten Formate bietet der folgende Beitrag.

Fam­i­lienkonz­erte

Fam­i­lienkonz­erte sind ein musikalis­ch­er Tre­ff­punkt der Gen­er­a­tio­nen. Die Inhalte wer­den so konzip­iert und präsen­tiert, dass alle auf ihre Kosten kom­men. In speziellen Ein­führun­gen erfahren die Kinder Wis­senswertes rund um die Werke und den Ablauf eines Konz­erts. Häu­fig kön­nen während­dessen die Erwach­se­nen eine Konz­erthälfte alleine genießen, und kleinere (Geschwister-)Kinder wer­den während des gesamten Konz­erts von erfahre­nen Päd­a­gogen im Foy­er betreut.

Kinderkonz­erte

Demge­genüber sind Kinderkonz­erte voll auf ihre Ziel­gruppe zugeschnit­ten. Sie gehören mit­tler­weile bei nahezu allen Orch­estern zum ständi­gen Ange­bot – Abon­nements sind häu­fig ausverkauft und wer­den vielerorts regel­recht „vererbt“. Über Peter und der Wolf und Karneval der Tiere sind dabei die meis­ten längst hin­weg: Auf dem Pro­gramm ste­hen Werke vom Mit­te­lal­ter bis hin zu neuer Musik, vorgestellt durch einen Mod­er­a­tor. Oft­mals wer­den Kinder direkt in das Geschehen auf der Bühne mit ein­be­zo­gen. Die Band­bre­ite ziel­grup­pen­spez­i­fis­ch­er Ange­bote wird stetig erweit­ert und reicht von Konz­erten für Schwan­gere und Babys über For­mate für Kindergärten und Grund­schulkinder bis hin zu Jugendlichen.

Ange­bote für Schulk­lassen

Bei Weit­em nicht alle Kinder und Jugendlichen wer­den über ihre Fam­i­lien erre­icht, die woch­enends mit ihren Sprösslin­gen ins The­ater gehen. Ange­bote für Schulk­lassen bieten daher opti­male Voraus­set­zun­gen, um möglichst viele Kinder anzus­prechen. Viele Orch­ester und Konz­erthäuser bieten mod­erierte Konz­erte für Schulk­lassen an. Darüber hin­aus bieten Probenbe­suche den Schülern Gele­gen­heit zum Blick hin­ter die Kulis­sen des Orch­ester­be­triebs. Häu­fig wer­den zudem Lehrersem­inare oder päd­a­gogis­ches Begleit­ma­te­r­i­al ange­boten, das die Lehrkräfte bei der Vor­bere­itung des Konz­ert-
besuchs unter­stützt. Darüber hin­aus besuchen kleinere Ensem­bles oder einzelne Musik­er die Schulk­lassen und zeigen ihre Instru­mente oder geben einen Vorgeschmack auf das, was die Schüler im Konz­ert erwartet.

Instru­menten­vorstel­lun­gen

Ein echter Klas­sik­er sind die Instru­menten­vorstel­lun­gen, die bei ver­schiede­nen Gele­gen­heit­en ange­boten wer­den. Es mag Hygien­e­fa­natik­er grausen, aber tat­säch­lich find­en es die meis­ten Kinder großar­tig, nacheinan­der in das­selbe Trompe­ten­mund­stück zu blasen. Es bietet sich hier die wun­der­bare Gele­gen­heit, Instru­mente auszupro­bieren und zu erfahren, wie es sich anfühlt, Töne her­vorzubrin­gen. Glück­licher­weise gibt es ja auch Stre­ichin­stru­mente, und darüber hin­aus erlebt man die Orch­ester­profis haut­nah, die viel von ihrem Instru­ment und ihrem Beruf zu erzählen wis­sen.

Konz­erte an anderen Orten

Berührungsäng­ste sind für die wenig­sten Orch­ester ein Prob­lem. Schon lange warten sie nicht mehr im Konz­ert­saal auf ihr Pub­likum. Sie brin­gen die Musik zu den Men­schen und schaf­fen musikalis­che Begeg­nun­gen außer­halb des tra­di­tionellen Rah­mens. Konz­erte an anderen Orten lassen nicht nur Schu­laulen, Jugendzen­tren und Kindergärten erklin­gen, son­dern auch Parks, Plätze und Kinos bis hin zu Altenheimen, Kranken­häusern und Gefäng­nis­sen.

Work­shop- und Pro­jek­tange­bote

Dabei geht es nicht nur ums Zuhören, son­dern häu­fig auch ums Mit­machen. Ziel der vielfälti­gen Work­shop- und Pro­jek­tange­bote der Orch­ester ist es, Kindern und Jugendlichen, aber auch erwach­se­nen Laien einen aktiv­en und kreativ­en Zugang zur Musik zu ermöglichen. In Zusam­me­nar­beit mit Orch­ester­musik­ern, Kom­pon­is­ten, Kün­stlern entste­ht Neues, Eigenes, das in Kinderkonz­erten, Schul­vorstel­lun­gen oder Extra-Konz­erten im Konz­ert­saal aufge­führt wird. Die Pro­jek­t­for­mate haben dabei unter­schiedliche Dimen­sio­nen: Schulbe­suche mit ein­stündi­gem Work­shop zählen dazu eben­so wie großan­gelegte Langzeit­pro­jek­te, die nicht sel­ten in spek­takulären Auf­führun­gen ihren Höhep­unkt und Abschluss find­en. Immer wieder schlägt diesen – oft medi­al viel beachteten – Leucht­feuern Kri­tik ent­ge­gen: Sie seien einzig auf Effekt angelegt, ihre Nach­haltigkeit und Wirk­samkeit fraglich. Solche Ein­wände mögen auch ihre Berech­ti­gung haben. Den­noch haben strahlkräftige „Events“ eine nicht zu ver­ach­t­ende Wirkung auf die Öffentlichkeit, die nur so davon erfährt, welche Leis­tun­gen die Orch­ester­land­schaft für und im Zusam­men­spiel mit ihrem Pub­likum erbringt und welche Begeis­terung dabei entste­hen kann. Und auch wenn bes­timmte Pro­jek­te ein­ma­li­gen Charak­ter haben, so kann genau diese eine Erfahrung die Liebe zur Musik weck­en und noch lange nachk­lin­gen.

Wech­sel­spiel mit der freien Szene

In der Musikver­mit­tlung ste­ht die feste Orch­ester­szene nicht zulet­zt in einem Wech­sel­spiel mit der freien Szene. Kleinere Ensem­bles entwick­eln tourneefähige Kinder- und Fam­i­lienkonz­ert­for­mate, die von Konz­erthäusern ein­ge­laden wer­den. Einzelne Pro­tag­o­nis­ten wer­den als Mod­er­a­toren, Work­shopleit­er oder Dra­matur­gen von Orch­estern und Insti­tu­tio­nen engagiert. An dieser Stelle ist der Musik­be­trieb durch­läs­siger als an anderen Stellen, denn wo es um mehr geht als das Musizieren auf dem Konz­ert­podi­um, greifen Pro­fes­sio­nen ineinan­der, unter­schiedliche Diszi­plinen, Gew­erke und Kom­pe­ten­zen spie­len zusam­men. So entste­ht sicher­lich Rei­bung, aber auch Kreativ­ität.
Seit 2006 gibt der junge ohren preis jedes Jahr Anlass zu ein­er Bestand­sauf­nahme, denn die Teil­nehmer bewer­ben sich hier mit repräsen­ta­tiv­en Beispie­len aus der Prax­is im Bere­ich Musikver­mit­tlung. Schon jet­zt zeigt sich eine bemerkenswerte Band­bre­ite, die sich in stetiger Bewe­gung befind­et und sich immer wieder neu erfind­et. Vielle­icht begin­nt sich hier ein Wan­del des Musik­lebens zu real­isieren, der den düsteren Prog­nosen für die Klas­sik neue Per­spek­tiv­en ent­ge­gen­stellt.