Peteris Vasks

Viatore/Distant Light/Voices

Stanko Madic (Violine), Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Ivan Repušic΄

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 73

Die meis­ten Men­schen haben heute keinen Glauben, keine Liebe und keine Ide­ale mehr. Die geistige Dimen­sion geht ver­loren. Ich will der Seele Nahrung geben. Das predi­ge ich in meinen Werken“, so Pēteris Vasks. Wenn Kom­pon­is­ten über sich selb­st reden, ist das ja nicht in jedem Fall erhel­lend, aber kein Satz kann die Musik Vasks bess­er beschreiben, als dieses Dik­tum über sich selb­st. 1946 als Sohn eines Bap­tis­ten-Pfar­rers in West-Let­t­land geboren, hat er die ganze Repres­sion ein­er sow­jetis­chen Kul­tur­poli­tik am eige­nen Leib erlebt, bis hin zum Stu­di­en­ver­bot. Qualvoll litt er an der Unter­drück­ung sein­er baltischen Heimatkul­tur, doch seine Musik ist – um es mit seinen eige­nen Worten zu sagen – „aus Schmerz geboren, mit Schmerz geboren“.
Vom min­i­mal­is­tis­chen Ansatz her rei­ht sich Vasks in die Lin­ie ander­er baltisch­er Kom­pon­is­ten wie Arvo Pärt oder Erk­ki-Sven Tüür ein. Wie viele sein­er Gen­er­a­tion ist auch er geprägt von der pol­nis­chen Avant­garde Pen­dereck­is oder Lutosławskis, und doch bleibt seine Musik zu tief­st per­sön­lich, trotz der Moll-Lastigkeit immer hoff­nungsvoll. Vasks spricht unmit­tel­bar an, wen­det sich dem Hör­er zu, drängt sich nie auf und wirkt nie belehrend.
Mit der Arvo Pärt gewid­me­ten und 2001 kom­ponierten Stre­ich­er­son­ate Via­tore gelingt Ivan Repušic´ mit dem Münch­n­er Rund­funko­rch­ester ein gelun­gener Ein­stieg in diese Neuein­spielung. Seine Wahl fiel indes nicht auf die orig­i­nale Orch­ester­fas­sung, er entsch­ied sich für die Reduk­tion auf elf Solostre­ich­er von Sefan Vanselow. Doch die Reduk­tion dün­nt nicht aus, sie unter­stre­icht die reiche Klan­gen­twick­lung und die Trans­parenz. Den Münch­n­er Solis­ten gelingt der Draht­seilakt, zwis­chen Fläche und Lin­ie müh­e­los hin und her zu changieren.
Im Vio­linkonz­ert Tala gais­ma – Fernes Licht (1996/97) weiß Stanko Madic´, seit 2018 Konz­ert­meis­ter in München, die flir­ren­den Vogel­gezwitscherk­länge in den Stre­ichertep­pich zu weben. Seine Can­tile­nen wer­den wahrhaft zu Liedern der Hoff­nung, zum Zeichen des Lichts am Ende des Tun­nels. Er ver­liert sich nicht in der End­losigkeit der Har­moniefol­gen, er strebt dem hoff­nungsvollen Licht zu. Und das Orch­ester fol­gt gerne, wand­lungsre­ich, agil und spiel­freudig, und gibt, um es mit Vasks zu sagen, der Seele Nahrung. Stets hat Ivan Repušic´ am Pult den Überblick und führt Hör­er und Musik­er gle­icher­maßen zum Licht. In der 1. Sin­fonie mit dem beze­ich­nen­den Titel Bal­sis (dt. Stim­men) wer­den die Stim­men des Lebens, der Stille und des Gewis­sens (so die jew­eili­gen Titel der drei Sätze) hör- und spür­bar. Repušic´ schafft eine immense Inten­sität und Dichte des Klangs, ohne ins Ufer­lose zu schweifen. See­len­nahrung pur.
Die Auf­nah­men zur CD ent­standen Ende Juni 2020, zu ein­er Zeit des absoluten Lock­downs der Coro­na-Pan­demie. Einge­spielt mit Abstand, durch Glaswände getren­nt und nicht zulet­zt mit Maske: wahrhaft keine
opti­malen Bedin­gun­gen. Und doch bleibt die kreative Kraft der Musik präsent, eine Kraft, die Hoff­nung spendet.
Markus Roschinski