Frauke Adrians

Vernetzen, fortbilden, stärken

Die neue Plattform DYMENT® will Musiker in Verbindung bringen

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 40

Herb­st 2021: Die vierte Coro­na-Welle baut sich auf. Es zeich­net sich ab, dass Musik­er und andere Kreative ihr Pub­likum über län­gere Zeit wieder nur eingeschränkt oder gar nicht erre­ichen kön­nen – und dass auch die Kon­tak­tauf­nahme und ‑pflege untere­inan­der lei­det. Konz­erte wer­den ersat­z­los gestrichen, sofern sie nicht unter 3G- oder 2G-Regelung stat­tfind­en kön­nen. Oder sie wan­dern, wie schon 2020, ins Inter­net: Musik­er begin­nen wieder, Kam­mer­musik aus dem heimis­chen Wohnz­im­mer zu streamen.
Aber manche möcht­en die konz­er­tarme Coro­na-Zeit auch anders nutzen: Sie wollen sich ver­net­zen und fort­bilden für die Zeit nach Coro­na. Den Wun­sch nach Wis­sensver­mit­tlung entwick­elte auch die Musik­erin und Kul­tur­man­agerin Anca Unertl, und zwar im ganz nor­malen Musik­erin­nen-All­t­ag, schon vor den unerquick­lichen Coro­na-Leer­lauf-Phasen. „Als Musikpäd­a­gogin und ‑ver­mit­t­lerin bin ich immer wieder an meine eige­nen Gren­zen gestoßen“, beschreibt sie. „Kreative Berufe basieren auf Out­put. Aber wo bleibt der Input?“ Konkrete Fra­gen ergaben sich in ihrem pro­fes­sionellen Umfeld, zum Beispiel: Wen frage ich, wenn ich als Musik­erin und Musikver­mit­t­lerin von Bekan­nten gebeten werde, ein Fes­ti­val zu organ­isieren? Oder wenn ich den Bau ein­er Orgel begleit­en soll? „Learn­ing by doing ist mir in so einem Fall nicht genug“, so Unertl. „Außer­dem: Muss denn jed­er immer die gle­ichen Fehler machen wie alle anderen, um seinen Weg zu find­en? Und ich weiß ja, dass es unter den Kul­turschaf­fend­en viele gibt, die sich mit solchen Auf­gaben ausken­nen, die ihr Wis­sen gerne weit­ergeben und die ich um Rat fra­gen kön­nte. Nur, wo finde ich die?“
Über Jahre entwick­elte sie die Idee ein­er Wis­sens­börse im Inter­net, ein­er dig­i­tal­en Plat­tform, auf der Profimusik­erin­nen und ‑musik­er, aber auch ziel­stre­bige Ama­teure Ansprech­part­ner, Erfahrun­gen und Fach­wis­sen find­en kön­nen. Nicht nur informelle Tipps, son­dern auch Weit­er­bil­dungsange­bote soll­ten dort zu ent­deck­en sein. Inzwis­chen hat Anca Unertl ihre Pläne in die Tat umge­set­zt: Ihre Plat­tform DYMENT® – kurz für „The Dynam­ic Move­ment of the Arts“ – ist im Novem­ber 2021 an den Start gegangen.
Von Anfang an haben Dozen­ten, Musik­er, Inten­dan­ten dort Info- und Fort­bil­dungsange­bote eingestellt, vom ein­fachen Ver­mit­teln prak­tis­ch­er Tipps bis hin zum kostenpflichti­gen Kurs. Zu den ersten Weit­er­bil­dungs-Anbi­etern bei DYMENT® gehören Beat Fehlmann, Inten­dant der Deutschen Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz, der Regis­seur und Medi­a­tor Moritz von Rap­pard, Susanne Leuth­n­er, Lei­t­erin der auf klas­sis­che Musik spezial­isierten Ver­sicherung Sin­fon­i­ma, und der Posaunist und Musikver­mit­tler Albert Lan­dertinger. Ihre The­men reichen von Tea­mar­beit und Audi­ence Devel­op­ment über Wirkungsmes­sung und Kreativ­itätss­chu­lung bis hin zu prak­tis­chen Fra­gen der Musikinstrumenten-Versicherung.
„Unser Spek­trum soll auch jen­seits der gängi­gen The­men liegen“, wün­scht sich Unertl. Nicht der tausend­ste Kurs zu auto­gen­em Train­ing schwebt der DYMENT®-Gründerin vor, son­dern eher The­men, über die man sich, wie sie find­et, im All­t­ag viel zu sel­ten Gedanken macht. „Etwa die Frage: Wie wirkt meine Stimme? Und wie kann ich meine Stimme so entwick­eln, dass ich, etwa als Mod­er­a­torin oder bei Inter­views, bess­er ankomme; dass die Leute mir zuhören?“ Ein The­ma, das ger­ade für Frauen wichtig sei, denn deren Stim­men wür­den häu­fig noch immer eher als schw­er ver­ständlich oder unan­genehm emp­fun­den im Ver­gle­ich zu den meist tief­er­en, stärk­eren Männerstimmen.
Koop­er­a­tionspart­ner­in von DYMENT® ist die Karl­shochschule Inter­na­tion­al Uni­ver­si­ty in Karl­sruhe. Aus dem Hochschul-Biotop erhofft sich Ini­tia­torin Anca Unertl inno­v­a­tive Ideen und kreativ­en Input. Let­zter­er soll natür­lich auch von den Orch­estern, The­atern und anderen Kul­turin­sti­tu­tio­nen kom­men. „Der Slo­gan von DYMENT® heißt: von Mach­ern für Mach­er“, so Unertl. „Wis­sen, das bei Orch­ester­musik­ern schon vorhan­den ist, wird in den Kreis­lauf gegeben und find­et andere Nutzer. Der Zugang ist nieder­schwellig, man kann sich aus­tauschen und sieht, der oder die sitzt auch in einem Orch­ester und kann mir weit­er­helfen.“ Wer etwa über ­seinen Haup­tjob am drit­ten Geigen­pult hi-
naus kam­mer­musikalisch oder als Musik­man­agerin aktiv wer­den wolle, könne dere­inst dank ­DYMENT® Kol­le­gen mit Erfahrun­gen und Fach­wis­sen auf diesen Gebi­eten find­en. Wer deren Exper­tise nutze, könne Zeit, Ner­ven und Kraft sparen, die dann in das neue Pro­jekt statt in mehr oder min­der frucht­lose Fehlver­suche fließen könnten.
Unter dem Menüpunkt „Inspi­ra­tion“ find­en alle, die auf der DYMENT®-Seite stöbern, Pod­casts, Buch- und Zeitschrif­ten­tipps. Die Rubrik „Net­zw­erk“ wartet noch darauf, gefüllt zu wer­den: Hier sind die Nutzer selb­st gefragt, sich einzubrin­gen. „Im Schutzraum Orch­ester braucht man Spiel­räume, damit Freiräume des Einzel­nen sich entwick­eln kön­nen“, beschreibt Unertl. Demgemäß will sie ihr Start-up mit­tel- und länger­fristig nicht bloß als Tipp- und Fort­bil­dungs­börse weit­er­en­twick­eln: DYMENT® soll auch eine Inspi­ra­tionsquelle für Musik­er und andere Kreative sein und helfen, den Blick zu weit­en und auch mal einen Per­spek­tivwech­sel zu wagen.
Dritte Säule sollen „virtuelle Stammtis­che“ sein, die sich – so hofft Anca Unertl – im Laufe dieses Jahres entwick­eln wer­den. „Dort kön­nen Musik­er untere­inan­der, aber auch mit Experten und Dozen­ten Ideen entwick­eln und sich aus­tauschen.“ Dieser Bere­ich von DYMENT® soll für alle Inter­essen­ten ganz ein­fach und kosten­los zugänglich bleiben. Auch damit alle – ger­ade in diesen für Kün­stler äußerst schwieri­gen Coro­na-Zeit­en – hier einen virtuellen Tre­ff­punkt find­en kön­nen. „Coro­na hat die intrin­sis­che Moti­va­tion bei vie­len stark absinken lassen“, so Unertl. „Bei DYMENT® kön­nen wir uns gegen­seit­ig motivieren. Aus­tausch hil­ft, Fort­bil­dung hil­ft: Bleib dran!“
Wie sich ihre Neu­grün­dung entwick­elt – darauf ist Anca Unertl selb­st ges­pan­nt. „DYMENT® ist ein Ange­bot, eine Ein­ladung. Wir wollen nie­man­den bekehren, aber wir wollen eine Dynamik entwick­eln und begleiten.“

> www.dyment.art

Lesen Sie weit­ere Beiträge in Aus­gabe 2/2022.