Hiekel, Jörn Peter / Wolfgang Lessing (Hg.)

Verkörperung der Musik

Interdisziplinäre Betrachtungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Transcript, Bielefeld 2014
erschienen in: das Orchester 01/2015 , Seite 69

Der Körper als Medium und Organ der Vermittlung wie zur Erzeugung musikalischer Ausdrucksgesten bis hin zur körperlichen Erkenntnis („embodied cognition“) ist in der Kognitionspsychologie schon seit einiger Zeit, in der poststrukturalistischen Musikwissenschaft erst jüngst in den Fokus eines neuen Forschungsinteresses getreten. Die Ringvorlesung zum Thema „Verkörperung in der Musik“ an der Dresdner Musikhochschule, die nun publiziert vorliegt, trifft somit einen Nerv der Zeit und beleuchtet zugleich ein neues Verständnis musikalischer Texte, die nicht mehr nur als lineare, diskursive Strukturen, sondern als nichtlineare, dynamische Prozesse gesehen und gedeutet werden.
Die acht in diesem Band versammelten Beiträge nähern sich dem Thema „Verkörperung“ zunächst aus historischer und geisteswissenschaftlicher Sicht, beziehen dann aber auch Ansätze aus benachbarten Disziplinen ein und bieten so einen interdisziplinären Zugriff auf die Thematik. Um es vorweg zu sagen, handelt es sich durchweg um eine anspruchsvolle, aber lohnende und anregende Lektüre! Spannende Blickwinkel, überraschende Erkenntnisse und neue Forschungsansätze erweitern den Horizont und bieten viele interessante Einblicke.
Die ersten drei Beiträge gelten dabei eher fachspezifischen Ansätzen, während die folgenden fünf Texte interdisziplinäre Fragestellungen aufgreifen. Wolfgang Lessing wie auch Akeo Okada setzen sich historisch mit Kunst und Technik auseinander, indem sie die Entwicklung der Spieltechnik von reiner  Bewegungsmechanik über die Befreiung des Geistes in Rich­tung auf eine Autonomie des musizierenden Körpers bis hin zu Integ­rationsbemühungen von Poiesis und Praxis im Modell des „musikalischen Körpers“ (Wolfgang Rüdiger) und zur handwerklichen Konzeption, in der sich Kunst und Technik vereinen, verfolgen. Michael Heinemann führt den Ansatz von Roland Barthes’ zweiter Semiologie weiter, um ihn als erweiterten Diskursmodus nutzbar zu machen. Martin Zenck steuert einen tiefgründigen Essay zur Befreiung der Finger von der Artikulationsfunktion hin zum taktilen Expressionsorgan bei. Wolfgang Rüdiger liefert eine umfangreiche Studie zur körperlichen und musikalischen Mimik als Spiegel emotionaler Bedeutung. Und schließlich erörtert Pavlos Antoniadis sein Modell der körperlichen Navigation bei der Interpretation neuer Musik. Hans-Christian Jabusch, Eckart Altenmüller und Reinhard Kopiez vertreten die empirische Seite der Körperdimension in der Musikproduktion (neurobiologische Aspekte des Übens) und Rezeption (Emotionen, „chill“).
Alles in allem ein äußerst gelungener Band mit ungemein großem Anregungspotenzial für alle, die sich mit Fragen des Übens und des körperlichen Lernens befassen möchten. Die geisteswissenschaftliche Perspektive verlangt dann geradezu nach einer Fortführung, die den empirischen Ansätzen der Bewegungsforschung, der „musical gestures“ und Emotionsforschung unter Einschluss der Erkenntnisse, die die Sportwissenschaft für das musikalische Lernen und Üben (Training) bereithält, gewidmet wäre. Jedenfalls macht die Lektüre Lust auf eine Fortsetzung!
Wilfried Gruhn