Verbotene Klänge — Komponisten im Exil

Mit Werken von Arnold Schönberg, Ernst Krenek, Franz Schreker, Berthold Goldschmidt, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Capriccio DVD 93 506
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 89

Nach­dem His­torik­er schon über die dun­kle, braune Zeit zwis­chen 1933 und 1945 (teil­weise kon­tro­vers) aufgek­lärt hat­ten, wur­den Ende der 80er Jahre endlich auch wieder jene Kom­pon­is­ten ent­deckt, die entwed­er in deutschen Lagern erbar­mungs­los im Rassen­wahn ver­nichtet wur­den oder die ger­ade noch rechtzeit­ig die Flucht ins Exil antrat­en. Heute ist wei­thin bekan­nt, dass bei­de Wege ins geschichtliche Abseits führten und dieser Exo­dus Wun­den auf allen Gebi­eten der Kul­tur und in allen wis­senschaftlichen Diszi­plinen hin­ter­ließ, die nicht mehr geschlossen wer­den konnten.
Zudem führten im Bere­ich der Musik die radikalen Ansicht­en der Avant­garde, denen bald selb­st Schön­berg genau­so wenig galt wie dessen ver­meintlich­er Antipode Straw­in­sky, zu ein­er Igno­ranz gegenüber der ein­sti­gen stilis­tis­chen Vielfalt. Schrek­er und Zem­lin­sky aber waren ver­stor­ben, Ull­mann und Schul­hoff (und mit ihnen viele andere) hat­ten die Gräuel nicht über­lebt, Korn­gold hat­te in Hol­ly­wood Fuß gefasst (sein früheres Œuvre wurde for­t­an ver­achtet), die Werke von Eisler und Dessau waren im West­en poli­tisch nicht oppor­tun, Krenek blieb ein Wan­der­er zwis­chen der Alten und Neuen Welt – allein Berthold Gold­schmidt kon­nte noch die späten Früchte der Wieder­ent­deck­ung selb­st in Emp­fang nehmen.
Nach­dem in den ver­gan­genen Jahren zahlre­iche CD-Auf­nah­men die unter­schiedlich­sten Werke zahlre­ich­er ver­fol­gter und ver­femter Kom­pon­is­ten wieder lebendig wer­den ließen (daneben erschienen auch mehr oder weniger gut recher­chierte Biografien und wis­senschaftliche Stu­di­en), nimmt jet­zt das Label Capric­cio die Möglichkeit­en der mul­ti­me­di­alen Welt wahr und veröf­fentlicht auf DVD auch filmis­ches Mate­r­i­al, auf das man im Fernse­hen allen­falls bei genauem Studi­um der entsprechen­den Vorschauen stößt.
Unter dem Titel Ver­botene Klänge – Kom­pon­is­ten im Exil sind nicht nur Auss­chnitte aus Kom­po­si­tio­nen zu hören (70 Minuten Audio), son­dern auch der 1990 vom WDR pro­duzierte, 72-minütige Doku­men­tarfilm von Nor­bert Bunge und Chris­tine Fis­ch­er-Defoy. Mit Fin­ger­spitzenge­fühl wurde dabei ein ein­drucksvoller Dia­log zwis­chen dem Schwarz-weiß-Mate­r­i­al der Wochen­schau und ger­ade noch rechtzeit­ig einge­fan­genen auto­bi­ografis­chen Erin­nerun­gen insze­niert (es kom­men zu Wort: Krenek, Her­bert Zip­per, Gold­schmidt, Alfred Good­man und Alexan­der Ringer). Ger­ade weil sich die ange­sproch­enen Aspek­te des The­mas noch ver­tiefen lassen, eignet sich der Film her­vor­ra­gend zur Ein­führung – gle­icher­maßen für die indi­vidu­elle Spuren­suche wie auch für den Musikunterricht.
Weit weniger ertra­gre­ich sind die bei­den Spe­cials: ein ent­täuschen­des Gespräch zwis­chen dem Petersen-Quar­tett und Gladys N. Krenek sowie (als Reprise der vor einem Jahr erschiene­nen Ull­mann-DVD) das von grob geschnitzten State­ments durch­zo­gene Inter­view von Thomas Voigt mit James Conlon.
 
Michael Kube