Katharina Wagner/Holger von Berg/Marie Luise Maintz (Hg.)

Verbote (in) der Kunst

Positionen zur Freiheit der Künste von Wagner bis heute

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 58

Das vor­liegende Buch, der zweite Band der Schriften­rei­he „Diskurs Bayreuth“, doku­men­tiert das wis­senschaftlich-feuil­leton­is­tis­che Rah­men­pro­gramm der Bayreuther Fest­spiele 2018, in deren Zen­trum die Neuin­sze­nierung des Lohen­grin (Yuval Sharon, Neo Rauch) stand. Die Idee, anknüpfend an das Motiv des Frage­ver­bots der Oper, Gedanken und Posi­tio­nen zur Kun­st­frei­heit und zur Kun­st in Frei­heit und Unfrei­heit zusam­men­zu­tra­gen, ist unbe­d­ingt zu begrüßen; ja sie ist heute ger­adezu eine Notwendigkeit.
Die einzel­nen Autoren kom­men weit­ge­hend aus dem Bere­ich Kun­stkri­tik, The­ater­wis­senschaft und Feuil­leton; mit Ger­hart Baum ist zudem ein immer noch gefragter Poli­tik­er vertreten. Man spricht unter anderem über den Nutzen und Nachteil der Pro­voka­tion, über Polit­i­cal Cor­rect­ness, über ver­schiedene Wag­n­er-Insze­nierun­gen und ihr mehr oder min­der pro­voka­tives Poten­zial, wirft den Blick schlaglichtar­tig (und entsprechend ohne Tiefen­schärfe) auf ein­st­mals poli­tisch missliebige Opern und fragt nach dem Ver­hält­nis von Kun­st­frei­heit und Neuer Musik.
Die Lek­türe des Ganzen hin­ter­lässt keinen beglück­enden Ein­druck. Stärk­er noch als im ersten Band der Rei­he (vgl. das Orch­ester 12/2018, S. 65) ver­misst der Leser Sub­stanz und echt­en wis­senschaftlichen Ertrag. Das liegt vor allem daran, dass auch hier alle (stets unmod­erierten) Diskus­sio­nen in voller Länge abge­druckt sind. Das Ver­hält­nis von Rede und wis­senschaftlichem Sach­beitrag ist völ­lig unstim­mig; zudem ver­schwim­men die Gren­zen, wenn aus Dialo­gen in Wahrheit ermü­dende Monologe wer­den (etwa S. 34–42). Wenn sich einzelne Gespräch­steil­nehmer ihre Mit­disku­tan­ten selb­st aus­suchen kön­nen (S. 1), tut das der Sache natür­lich auch nicht gut. Ständig wird vom eigentlichen The­ma abgewichen, find­en sich über­flüs­sige Exkurse in die Tage­spoli­tik (der Name Don­ald Trump ist fünf­mal im Reg­is­ter vertreten, Farid Bang und Kol­le­gah jew­eils dreimal – zuviel der Ehre), kurzum: Alle hören sich erkennbar gern reden und nie­mand ist da, der die Zügel in die Hand nehmen möchte.
Zugegeben: Die Fest­spiel­gäste vor Ort wer­den die zugrun­deliegende Ver­anstal­tung ver­mut­lich mit Gewinn besucht haben. Aber nicht alles, was dort leicht dahinge­sagt wor­den ist, muss dann auf ewig dem Druck anver­traut wer­den, zumal ger­ade die sein­erzeit tage­sak­tuellen Diskus­sio­nen – etwa um Eugen Gom­ringers Avenidas-Gedicht oder um Kun­st­fre­unde wie Farid Bang und den deutschen Rap­per Kol­le­gah – heute nicht noch ein­mal aufgewärmt wer­den müssen. Man hat das sein­erzeit im entsprechen­den Feuil­leton rauf- und run­terge­le­sen.
Soll der „Diskurs Bayreuth“ auch in Buch­form weit­erge­führt wer­den, möchte man den Ver­ant­wortlichen drin­gend ans Herz leg­en, mehr aus­gewiesene Fach- und auch Nach­wuch­swis­senschaftler einzu­laden, den Abdruck der Diskus­sio­nen deut­lich einzuschränken und auf strik­ten The­men­bezug zu acht­en. Eigentlich Selb­stver­ständlichkeit­en.
Ulrich Bar­tels