Zeynep Gedizliog˘lu

Verbinden und Abwenden. Kammermusik

Klavierduo Yukiko Sugawara und Tomoko Hemmi/Quator Diotima/Klangforum Wien, Ltg. Leonhard Garms/Ensemble Modern/ hr-Sinfonieorchester, Ltg. Ilan Volkov bzw. Jonathan Stockhammer/Neue Vocalsolisten Stuttgart/Tamara Stefanovich (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6428 2
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 75

Im ersten Satz von Beethovens 5. Sym­phonie erhebt sich für einen kurzen Moment eine ein­same Oboen­stimme, die vielfach als Sinnbild für den Kon­trast zwis­chen Indi­vidu­um und Gesellschaft aufge­fasst wird. In ihrem Stück “Verbinden und Abwen­den” wen­det die türkischstäm­mi- ge Kom­pon­istin Zeynep Gedi­zlioğlu eine ähn­liche Rol­len­verteilung auf das Ver­hält­nis von Ensem­ble und Orch­ester an. Sie ist allerd­ings nicht an dem schlicht­en Kon­trast von trans­par­entem Ensem­ble- und fül­ligem Orch­esterk­lang inter­essiert. Stattdessen postiert sie die Ensem­ble- instru­mente mit­ten im Orch­ester, und zwar in „fremde“ Klang­grup­pen. So sitzt die Bassklar­inette zwis­chen den Ersten Vio­li­nen, die Ensem­ble-Vio­line wiederum hin­ter der Orch­ester-Tuba. Zwar wer­den diese verteil­ten Ensem­ble­in­stru­mente dezent ver­stärkt. Ob man sie tat­säch­lich als „Fremd­kör­p­er“ wahr- nimmt, bleibe aber dahingestellt.
Wichtig ist Gedi­zlioğlu zudem noch eine andere Kon­no­ta­tion. „Die Vorstel­lung von ein­er Gruppe – in diesem Fall beste­hend aus 14 Indi­viduen –, die dem großen Appa­rat Orch­ester gegenüber­ste­ht, bringt für mich in erster Lin­ie etwas Poli­tis­ches mit sich, und gle­ichzeit­ig den Impuls, die per­ma­nente Ein­deutigkeit ein­er bes­timmten Rol­len­verteilung, eines bes­timmten Ver­hält­niss­es zwis­chen den zwei Klangkör­pern abzulehnen.“ Das klingt alles ein biss­chen wie der Ver­such, die dialek­tis­che Philoso­phie der Frank­furter Schule zu ver­to­nen. Doch bekan­ntlich sind Kom­mentare von Kom­pon­is­ten zu ihrer eige­nen Musik nicht immer ein Schlüs­sel zu ihren Werken.
Hört man nun in die Kom­po­si­tion hinein, so begeg­net man ein­er sehr sinnlichen, ener­getis­chen, gesten­re­ichen Musik, die tur­bu­lent, schillernd, gle­ichzeit­ig aber minu- tiös aus­ge­hört wirkt. Drei Sätze hat das Werk, von der Kom­pon­istin als „drei Akte“ beze­ich­net. Eine imag­inäre Bühne ist also mit im Spiel, Instru­mente set­zen sich in Szene, par­lieren, poltern, schle­ichen sich ein oder fall­en mit der Tür ins Haus. An ein­er Stelle gibt das Orch­ester sein eigenes Pub­likum und feiert sich mit Bra­vorufen. Jen­seits solch­er The­atra­lik sorgt Gedi­zlioğlu auf der Mikroebene für Zusam­men­halt, den Dirk Wieschollek in seinem lesenswerten Book­let­text als „Greifen nach dem Ungreif­baren“ beschreibt.
Die vor­liegende Porträt-CD ver­mit­telt ein dif­feren­ziertes Bild vom Schaf­fen der mehrfach preis­gekrön­ten Kom­pon­istin, die aus Izmir stammt und in Deutsch­land u.a. bei Theo Brand­müller und Wolf­gang Rihm studiert hat. In “Sights of now” für zwei Klaviere und Stre­ichquar­tett arbeit­et sie sehr kon­se­quent mit scharf umris­se­nen Gesten und abrupten Wen­dun­gen, “Kelimel­er” (Worte) für fünf Vokalis­ten kreist um die Assozi­a­tions­felder „Stimme“ und „Dunkel­heit“ und bedi­ent alle Reg­is­ter der zeit­genös­sis­chen Vokalkun­st zwis­chen betören­der Vokalise und Durcheinan­der­plap­pern. Exzel­lente Inter­pre­ten und eine fabel­hafte Auf­nah­me­tech­nik sor­gen für ungetrübten Hör­genuss.

Math­ias Nofze