Schon, Heiko

Verachtet mir die Meister nicht

Das Handwerk auf der Opernbühne

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Verlagsanstalt Handwerk, Düsseldorf 2014
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 70

Vor lauter Liebesto­den und Zauberträu­men, Helden­mut und Frauen­weh, wie sie in der Oper von jeher besun­gen wur­den, gerät rasch in Vergessen­heit, dass auch die ganz triv­iale Arbeitswelt immer wieder Ein­gang gefun­den hat in die entrück­ten Bezirke des gesun­genen Dra­mas. Der vor­liegende Band über das „Handw­erk auf der Opern­bühne“ legt aus­führlich­es Zeug­nis ab von wack­eren, gerne betont real­is­tis­chen, manch­mal auch dämonis­chen Vertretern unter­schiedlich­ster Berufe. Der Autor ist ein gründlich informiert­er Opernken­ner mit einem offen­bar schi­er uner­schöpflichen Zettelka­s­ten, in dem sich eine imponierende Fülle selb­st entle­gen­er Beispiele ver­sam­melt find­et.
Natür­lich, der Schuh­mach­er bei Wag­n­er, der Bar­bi­er bei Mozart und Rossi­ni, der Zim­mer­mann bei Lortz­ing oder der Besen­binder bei Humperdinck – sie alle sind geläu­fige Beispiele dafür, dass Handw­erk­er als mal derbe, mal gewitzte Vertreter des Volkes im Opern­reper­toire nicht sel­ten gewichtige Rollen spie­len. Aber dieses Buch bleibt bei der Aufzäh­lung und Vorstel­lung solch­er und ähn­lich promi­nen­ter Fach­leute nicht ste­hen, son­dern greift tief in die Kisten und Archive des Reper­toires und fördert Dutzende kaum und gar nicht mehr bekan­nter Müller, Böttch­er, Schmiede, Glaser, Hut­mach­er und Fleis­ch­er zu Tage – vielle­icht nicht immer so geballt wie in Wag­n­ers Meis­tersingern, aber doch immer wieder in den Nis­chen des Opern­per­son­als und dort als dra­matur­gis­che Stütz­fig­uren oder zur Kolo­rierung des Geschehens unent­behrlich.
Zu den nach einzel­nen Gew­erken (wie Nahrung, Tex­til, Holz, Met­all) gegliederten Porträts solch­er Beruf­s­grup­pen im Reper­toire, deren bedeu­ten­dere Repräsen­tan­ten in ihrem Wesen und ihren Funk­tio­nen für das Hand­lungs­geschehen knapp skizziert wer­den, treten immer auch ergänzende Lis­ten von Werk­titeln, in denen ein­schlägige Rollen zumin­d­est genan­nt sind. Für den speziell Inter­essierten tun sich hier reiche Fund­gruben auf, die zum Stöbern ein­laden. Allerd­ings ver­weigert der über­aus infor­ma­tive Band ger­ade hier seine Hil­fe: Ein alle­mal wün­schenswertes Lit­er­aturverze­ich­nis zur weit­eren Lek­türe fehlt. Das ist bedauer­lich und min­dert den Gebrauch­swert des Buchs, nicht aber dessen Unter­hal­tungswert.
Die einzel­nen Kapi­tel und Beschrei­bun­gen verbinden sou­veräne Ken­ner­schaft des Autors mit sein­er Begabung für pointierte Darstel­lung selb­st bei weniger komis­chen Sachver­hal­ten. Bisweilen weit­et sich dieses Tal­ent dann ein wenig auf­dringlich zur allzu flap­si­gen Allüre, bei der Gegen­stand und Ton einan­der nicht recht entsprechen. Ander­er­seits erhöhen beiläu­fige Anek­doten und schar­fzüngige Seit­en­hiebe auf aller­lei Regie-Unarten (etwa auf Hans Neuen­fels), kuriose Auswüchse des Betriebs (wie die Bayreuther „Siegfried-Wurst“) oder PR-Leg­en­den wie die von Anna Netre­bkos gerne kol­portierten Galeeren­jahren als Putzfrau im St. Peters­burg­er Mari­in­s­ki-The­ater die amüsante Les­barkeit des Buchs.
Rüdi­ger Krohn