Willem Bruls

Venedig und die Oper

Auf den Spuren von Vivaldi, Verdi und Wagner

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel
erschienen in: das Orchester 07-08/2021 , Seite 62

Zu Recht zitiert der Opern­dra­maturg Willem Bruls am Beginn seines Buch­es Goethe, der in sein­er Ital­ienis­chen Reise schreibt: „Architek­tur ist gefrorene Musik.“ Der­selbe Gedanke ver­an­lasste Friedrich Niet­zsche wohl in Ecce homo zu der Bemerkung: „Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.“ Die Architek­tur der Serenis­si­ma ist Musik und bezeugt tat­säch­lich Musikgeschichte.
Bruls konzen­tri­ert sich in seinem von Bär­bel Jänicke über­set­zten Buch, das 2018 erst­mals in Ams­ter­dam erschien, auf die Oper in Venedig, „die um 1600 begann und um 1800 endete“. Mon­tever­di hat­te mit seinem Orfeo die Oper in Man­tua erfun­den. Doch erst während sein­er venezian­is­chen Jahre habe er das Genre zur Reife geführt: mit seinem Il ritorno d’Ulisse in patria und sein­er L’incoronazione di Pop­pea. „Diese Werke gaben dem, was die Oper eigentlich wer­den sollte, defin­i­tiv die Rich­tung. Nir­gend­wo anders als in Venedig hätte sich das ereignen können.“
In 20 Kapiteln beschreibt Bruls das vielle­icht faszinierend­ste, weil kreativste opern­his­torische Kapi­tel der Opern­pro­duk­tio­nen der Stadt, das bei Mon­tever­di beginne und „Ende des 18. Jahrhun­derts mit den Napoleonis­chen Kriegen“ ende. Danach folge nur noch „langsames Dahin­siechen“ – eine Mei­n­ung, die man nicht unbe­d­ingt teilen muss: Man denke nur an das Opern­leben der Stadt im 19. und 20. Jahrhun­dert mit seinen vie­len bedeu­ten­den Urauf­führun­gen im Teatro La Fenice; an Rossi­ni, Belli­ni, Donizetti, Mar­cadante, Straw­in­sky, Erman­no Wolf-Fer­rari und nicht zulet­zt an die erste ital­ienis­che Auf­führung von Wag­n­ers Ring.
In seinen Spaziergän­gen durch vier Jahrhun­derte Operngeschichte nimmt der Autor den Leser mit an jene Orte, an „denen Kom­pon­is­ten wohn­ten und arbeit­eten, an denen sich The­ater befan­den und noch befind­en, an denen wichtige Akteure der Musikkul­tur inspiri­ert wur­den“. Mon­tever­di, Hän­del und Vival­di ste­hen im Mit­telpunkt der Operngeschichte der Stadt.
Doch der Autor lässt seinen Blick über den Teller­rand schweifen. Rossi­ni, Ver­di und Wag­n­er wer­den als Beispiele ein­er magis­chen Kul­tur des Unter­gangs berück­sichtigt. Lui­gi Nono wird im Zusam­men­hang mit der „Stille der Stadt“ gewürdigt. „Zügel­losigkeit und Glücksspiel im Ridot­to“ macht er an Casano­va und Mozart fest. Betra­ch­tun­gen über die Caféhäuser Venedigs, leg­endäre Hotels wie das „Danieli“ an der Riva di Schi­avoni oder das „Des Bains“ auf dem Lido (den nicht zulet­zt Thomas Mann mit seinem Tod in Venedig verewigte) run­den sein Panora­ma von der Geburt (der Oper) bis zum Ster­ben (Richard Wag­n­ers) und darüber hin­aus ab. In Venedig spiele sich nicht nur viel Operngeschichte ab, ganz „Venedig ist Oper“.
Diesem Gesamtkunst­werk hat Bruls mit seinem reich bebilderten Buch ein Denkmal geset­zt. Ein Stadt­plan mit den markierten, erwäh­n­ten Orten ist beige­fügt. Ein nüt­zlich­es Per­so­n­en­reg­is­ter, Quel­lenangaben und Vorschläge von Spaziergän­gen nach Kapiteln geord­net geben dem ani­mieren­den Buch auch prak­tis­chen Wert.
Dieter David Scholz