Wolfram Schurig

Variations automatiques

für sieben Instrumente, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Gravis
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 67

Der öster­re­ichis­che Block­flötist und Kom­pon­ist Wol­fram Schurig, 1967 in Blu­denz geboren, ist in der Neuen-Musik-Szene schon seit Län­gerem kein Unbekan­nter mehr. Er erhielt Kom­po­si­tion­saufträge u.a. für die Bre­gen­z­er und die Salzburg­er Fest­spiele und die Donaueschinger Musik­tage. Zudem bekam er 2008 einen Förder­preis der Ernst von Siemens Musik­s­tiftung. Die Vari­a­tions automa­tiques ent­standen im Jahr 2018 als Kom­po­si­tion­sauf­trag des Ensem­ble Sur­Plus, finanziert durch die Ernst von Siemens Musik­s­tiftung.
Dem 14-minüti­gen Kam­mer­musik­w­erk, in der aparten Beset­zung Oboe, Bass­flöte, Bassklar­inette, Vio­line, Vio­la, Vio­lon­cel­lo und Flügel, ist in der kom­pos­i­torischen Grund­hal­tung anzumerken, dass Schurig unter anderem bei Hel­mut Lachen­mann studiert hat. Es gibt zahlre­iche zeit­genös­sis­che Spiel­ef­fek­te, die genau notiert und beze­ich­net sind. Dazu gehören unter­schiedliche Arten von Vierteltö­nen und einige erweit­erte dynamis­che Beze­ich­nun­gen, welche Sforza­ti mit der Grund­dy­namik verbinden wie ppz, mpz und andere.
Für die Bläs­er gibt es die gebräuch­lichen Zeichen für Lip­pen­pizzi­ca­to, Klap­pengeräusche, reine Luft­töne und auch Dop­pelfla­geo­letts bei der Oboe. Auch die Stre­ichin­stru­mente dür­fen neben ver­schiede­nen Bat­tuto- und Col-leg­no-Effek­ten zudem mit Flau­tan­do und Fin­gerg­eräuschen agieren.
Beim eben­falls lin­ear angelegten Klavier­part wer­den manch­mal Klänge im Flügel abgedämpft und das dritte Ped­al kommt des Öfteren zum Ein­satz.
Wie schon der Titel des Kam­mer­musik­w­erks ver­rät, nimmt die strenge rhyth­mis­che Gestal­tung einen großen Raum ein. Die einzel­nen Klänge, Rhyth­men und Perkus­sion­sef­fek­te laufen nach genau geplanten seriellen Bewe­gungsmustern ab. Dazu ver­wen­det Wol­fram Schurig stetig wech­sel­nde und zusam­menge­set­zte Tak­tarten, wie zum Beispiel einen 7/16- mit einem 5/8-Takt kom­biniert.
Es entwick­eln sich über die ins­ge­samt 591 Tak­te span­nungsre­iche Klang­bän­der mit enor­men poly­fo­nen Ver­flech­tun­gen und gle­ichzeit­ig auch mit Pausen durch­set­zten Momenten, die zwis­chen atem­losem Bruch und gestal­teter Stille pen­deln. Die Par­ti­tur ist sehr gut les­bar geset­zt und von der Edi­tion Gravis in ein­er ansprechen­der Ring­bindung her­aus­gegeben.
Es wird einige Zeit erfordern, die vie­len Klang­ef­fek­te, Klang­far­ben und gle­ichzeit­ig laufend­en Rhyth­men zu einem homo­ge­nen Klang­bild zu for­men. Ensem­bles mit entsprechen­der Erfahrung in der zeit­genös­sis­chen Musik wer­den sich in dem Werk sich­er wohlfühlen. Es mag sein, dass der strenge avant­gardis­tis­che Ges­tus (im Sinn der Avant­garde der 1970er Jahre) den Vari­a­tions automa­tiques nicht so schnell den Weg in den klas­sis­chen Konz­ert­be­trieb ebnet und das Werk zunächst eher für mit zeit­genös­sis­ch­er Musik ver­traute Ohren zugänglich­er sein wird.
Christoph J. Keller