Anderson, Julian

Van Gogh Blue

for ensemble, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, London 2016
erschienen in: das Orchester 02/2017 , Seite 61

Der 1967 geborene britis­che Kom­pon­ist Julian Ander­son arbeit­ete als Com­pos­er in Res­i­dence schon mit ver­schiede­nen Orch­estern im angel­säch­sis­chen Raum. Van Gogh Blue ent­stand 2015 in Zusam­me­nar­beit mit dem Musikzen­trum Wig­more Hall in Lon­don, das auch die Urauf­führung real­isierte. Die Beschrei­bung auf der Web­site des Schott-Ver­lags liest sich sehr anschaulich: „Aus­gangspunkt waren die Briefe von Vin­cent van Gogh. Ungeachtet der per­sön­lichen Tragö­dien des Malers sind sie voll aus­ge­lassen­er Fröh­lichkeit, mit der van Gogh die prak­tis­chen Beglei­tum­stände seines Schaf­fens behan­delt: Was wird er als näch­stes malen und, vor allem, welche Far­ben wird er ver­wen­den?“ Und weit­er: „Die reinen Ele­mente sein­er eige­nen Kun­st reflek­tiert auch Ander­son in Van Gogh Blue. Es ist ein auf­fal­l­end kon­trastre­ich­es Werk über die Freude am Klang als physikalis­chem Ele­ment.“
Die Beset­zung des Ensem­bles enthält neben den in den fünf Sätzen unter­schiedlich postierten zwei Klar­inet­ten noch Flöte, Harfe, Klavier sowie Vio­la, Vio­lon­cel­lo und Kontra­bass in ein­er fes­ten, standard­mä­ßi­gen hal­bkre­is­för­mi­gen Anord­nung mit dem Diri­gen­ten im Zen­trum. Die Titel der einzel­nen Sätze beziehen sich auf konkrete Bilder van Goghs. Wohl nicht zufäl­lig dominiert darin die Farbe Blau, worauf sich auch der Titelzusatz „Blue“ beziehen dürfte.
Das Par­ti­tur­bild offen­bart unter­schiedliche kon­trastierende Satz­typen neuer Musikäs­thetik. Sie reichen von punk­tuellem Stil über impres­sion­is­tisch gefärbte polyrhyth­mis­che Flächen bis hin zu strawins­kiesk anmu­ten­den rhyth­misch block­haften Struk­turen. Dynamisch wird eben­falls eine große Band­bre­ite angestrebt: Es gibt regel­rechte Tut­tistellen mit hefti­gen Akzen­tu­ierun­gen, aber auch stille Pas­sagen, in denen sehr wenig „passiert“. Die Wech­sel der Satz­bilder geschehen oft über­gangs­los, sprung­haft. Auch der Ein­fluss der Min­i­mal Music oder Ligetis Klang­poly­fonie ist spür­bar, wenn z.B. bei Buch­stabe F2 ein 5‑töniges Pat­tern auf rhyth­misch eng­stem Raum in den ver­schiede­nen Instru­menten, aber immer der­sel­ben Lage ver­ar­beit­et wird. Es find­en sich aber auch dur­chaus Ansätze zu melodis­chen Phrasen­bil­dun­gen wie das Flöten­so­lo am Anfang von Nr. 2 „Les Vig­no­bles“.
Aus­drucks­for­men der Malerei in Musik zu über­tra­gen ist für Kom­pon­is­ten schon lange eine reizvolle Auf­gabe. Spätestens seit Debussys neuar­tiger Klangäs­thetik, die tech­nis­chen Qual­itäten des Impres­sion­is­mus adäquat in Musik zu über­set­zen, ist dies in der Fach­welt auch anerkan­nt, jen­seits aller Vor­würfe ober­fläch­lich klang­mal­en­der Illus­tra­tion. Und so lassen sich auch für Ander­sons Par­ti­tur Ele­mente des musikalis­chen Expres­sion­is­mus als zur bilden­den Kun­st adäquatem Stil­begriff pos­tulieren: Wie van Gogh im Urteil der Kun­st­geschichte als Vor­reiter des Expres­sion­is­mus gilt, find­en wir einige Jahrzehnte später die Ansätze viel­er zeit­genös­sis­ch­er Kom­po­si­tion­sprak­tiken in den Werken von Bartók, Berg, Straw­in­sky und anderen. Insofern rei­ht sich Ander­son in eine hochrangig promi­nente Rei­he von Kom­pon­is­ten ein, die den Aus­gle­ich zwis­chen Tra­di­tion und Inno­va­tion unter Ver­wen­dung poly­stilis­tis­ch­er Tech­niken erstreben.
Kay Westermann