Urknall

Neue Kompositionen für Kammerorchester. Tiroler Kammerorchester InnStrumenti, Ltg. Gerhard Sammer

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Helbling 18691
erschienen in: das Orchester 07-08/2019 , Seite 72

Eine gewitzte Idee: zum 20-jähri­gen Beste­hen des Tirol­er Kam­merorch­esters InnStru­men­ti zwanzig fed­erge­wandte Damen und Her­ren einzu­laden, ein etwa drei Minuten langes Stück zu schreiben – mit erin­nerungswürdi­gem Bezug auf eines dieser Jahre. Sie kamen tat­säch­lich zusam­men: zwanzig Minia­turen, deren Bezugs­jahr die Ange­sproch­enen selb­st wählen kon­nten.

Um der Kollek­tion einen Rah­men zu geben, schwan­gen sich die Beteiligten überdies zu zwei Gemein­schaftswerken auf. Für den Vorspann auf das Grün­dungs­jahr 1997, daher Urk­nall betitelt, kom­ponierte jede® eine Orch­ester­stimme – unter Beach­tung eines vorgegebe­nen Form­schemas. Das Finale (2018) hinge­gen kam zus­tande, indem jede® ein paar Sekun­den „schlüs­siger“ Musik beitrug.

Dass auf diese Weise Meis­ter­stücke entste­hen wür­den, war wohl kaum zu erwarten. Mit Ver­laub: Was die mul­ti­ple Ver­fasser­schaft her­vor­brachte, war wenn nicht ver­dor­ben­er Brei, so doch – wie die Fran­zosen sagen – miss­lun­gene Soße. Hinge­gen fiel die Kollek­tion der Jahres­beiträge höchst beachtlich aus. Was umso bemerkenswert­er erscheint, als ihre Urhe­ber über den Wirkungsra­dius des Tirol­er Kam­merorch­esters hin­aus kaum bekan­nt sein dürften.

Zu den Stück­en, die man sich gern ein zweites Mal anhört, zählt Fund der Him­melscheibe von Nebra in 2’23 totaler Son­nen­fin­ster­n­is anno 1999 von Katha­ri­na Blass­nigg (*1979). Der Him­melscheibe entspricht eine aus der Tiefe auf­steigende Klangfläche. Den Ster­nen gle­ich, die sich von der Scheibe abheben, tauchen aus ihr Motive längst verblich­en­er Kom­pon­is­ten auf – zu beiläu­fig, um benennbar zu sein, doch bedeut­sam für den wun­der­samen Mikrokos­mos der 2’23 Spielminuten.

Isabel, die Winds­braut aus dem Jahr 2003 von Hubert Stup­p­n­er (*1944) ist ein ono­matopo­et­is­ches Lehrstück: wehe, wenn sie los­ge­lassen, die Wind­kräfte der Natur, aus dem Nichts entste­hend und imstande, ganze Land­striche niederzule­gen. Der Instru­mentalk­lang verdün­nt sich zu aufwirbel­nden Fla­geo­letts, an Geschwindigkeit und Kraft zunehmend, bis der Teufel­stanz in sich zusam­mensinkt wie ein angestoch­en­er Luft­bal­lon.

Für seinen Jahres­beitrag 2004 wählte Arturo Fuentes (*1975) eine poet­is­che Vor­lage im dop­pel­ten Sinne: den Schritt der öster­re­ichis­chen Autorin Elfriede Jelinek zur Ent­ge­gen­nahme des Lit­er­aturnobel­preis­es – gle­ichge­set­zt mit den let­zten Sätzen ihres Romans Die Klavier­spielerin: „Eri­ka weiß die Rich­tung, in der sie gehen muss. Sie geht nach Hause. Sie geht und beschle­u­nigt langsam ihren Schritt.“ Diesen Schritt in Tönen abzu­bilden – darauf muss man erst ein­mal kom­men. Fuentes bestand den Selb­sttest.

Drei Beispiele aus zwanzig mehrheitlich ansprechen­den Jahres­re­flex­en, von denen auch Hel­ga Planken­stein­ers balzen­der Eulen­vo­gel des Jahres 2005, Hannes Ker­schbaumers Memen­to Sog (zur Reak­torkatas­tro­phe von Fukushi­ma) und Michael FP Hubers Hom­mage zum 500. Geburt­stag von Hein­rich Isaac Erwäh­nung ver­di­enen. Ein ehrlich­es Bra­vo dem Tirol­er Kam­merorch­ester InnStru­men­ti.

Lutz Lesle