Inna Klause

Und alles mit Musikbegleitung“

Musikausübung im Gulag und in den nationalsozialistischen KZ im Vergleich

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Harrassowitz Verlag
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 61

Es gibt Büch­er, die for­mulieren ihre Idee ganz zum Schluss: „Was lässt sich nach dieser Unter­suchung über das Wesen und die Bedeu­tung der Musik für Men­schen all­ge­mein sagen? … Dass kon­text­lose Musik wed­er Teil der Kul­tur noch der Bar­barei sein kann, son­dern ein Medi­um darstellt, das beliebig ge- oder miss­braucht wer­den kann.“ Soweit die Autorin des großan­gelegten Forschungs­berichts über die Ver­wen­dung der Musik in den Ver­nich­tungslagern. Ob im KZ oder im Gulag – was kann man in solchen Schreck­en­skam­mern mit Musik machen? Die Antwort lautet: alles.
Da wird Musik zur Zwangsar­beit, dient vorder­hand der Umerziehung, ist beglei­t­ende Instanz bei Massen­mor­den, aber auch Erbau­ung und Trost­spenderin. Sie ist Tanz­musik und Marschmusik für Todesmärsche, dient einem Gaukel­spiel ver­lo­gen­er Konz­erte und ist Rhyth­musin­stru­ment für Peitschen­hiebe. Sie dient als Erin­nerungsseg­ment für manche Todgewei­hte und als schwarz­er Engel der Ver­nich­tung. Nicht nur zu Wag­n­ers Siegfried-Trauer­marsch, son­dern auch zu Lehars Lustiger Witwe ging es in die Gaskammern.
Es ist ein riesiges und furcht­bares Ter­rain, das die Autorin in vier großen Kapiteln genauestens aufar­beit­et. Die ersten zwei Kapi­tel beschreiben die Struk­turen der Ver­nich­tungs­maschine­r­ien, die bei­den anderen das Musikreper­toire und die Funk­tio­nen der Musik in den Lagern. Das herange­zo­gene Mate­r­i­al ist von schi­er unüberse­hbar­er Fülle. Der gegen­wär­tige Forschungs­stand zu diesem The­ma wird benan­nt, dann wer­den Quellen ver­schieden­ster Art herange­zo­gen: Briefe, Zeug­nisse, Aufze­ich­nun­gen, Berichte, Romane, Konz­ert­pro­gramme, auch Bilder und Partituren.
Die Autorin entwick­elt ein Ord­nungss­chema, mit dem sie unter­schei­det zwis­chen befohlen­em und selb­st­bes­timmtem Musizieren sowie zwis­chen Musizier­for­men und Wirkungsweisen der Musik. Diese Unterteilun­gen zeigen sehr deut­lich, wie ver­schiedenar­tig die Musikausübung in den Ver­nich­tungslagern war. Zu den bis zur total­en Erschöp­fung gequäl­ten „Lieder­singern“ gesell­ten sich Orch­ester – auch Mäd­chenorch­ester und Stre­ichquar­tette – von vorzüglich­er Qual­ität, die etwa im Stamm­lager Auschwitz Son­ntagskonz­erte gaben. In Dachau gab es ein Kom­man­do Lager­musik, das ein großes Salonorch­ester umfasste. Sog­ar Swing und Jazz wurde an manchen Orten für die Lager­auf­se­her gespielt.
Nach der Lek­türe bleibt Betrof­fen­heit, ein Nicht-Begreifen-Kön­nen des ganzen Geschehens. Manche der berichteten Szenen und Bilder sind kaum erträglich. Was aber auch bleibt, ist das große Ver­di­enst, das sich die Autorin mit dieser Studie zu eben diesem The­ma erwor­ben hat. Dem Rezensen­ten im Gedächt­nis geblieben ist vor allem ein Bild. Es zeigt ein kleines, nur zwei Oktaven umfassendes, ton­los­es Klavier in einem Holzkas­ten, das für einen Gulag-Insassen ange­fer­tigt wurde. Ton­lose Musik – so kön­nte man das Buch auch benen­nen. Von Todesfu­gen und schwarz­er Milch weiß es, lei­der, sehr viel zu berichten.
Win­fried Rösler