Coriún Aharonián

Una carta

Ensemble Aventure, SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden, Ltg. Zoltán Peskó

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 70

Diese neun Stücke von unter­schiedlich­ster Form, Dauer und Beset­zung weisen extreme Gegen­sätze und Inten­sitäten auf. Wuchti­gen Klang­blöck­en fol­gt anhal­tende Stille; karnevaleske Straßen­szenen wech­seln mit europäis­ch­er (Eisler, Nono) und lateinamerikanis­ch­er Kampf­musik (Revueltas, Vigli­et­ti, Par­ra, Buar­que); Tan­go-Klänge ste­hen neben rhyth­mis­chen Spiel­ereien; Weberns Sen­si­bil­ität neben Orch­ester-Erup­tio­nen. Immer wieder sind es heftige Klanggesten und explo­sive Kon­traste, die die Arbeit­en von Coriún Aha­ronián bes­tim­men.
Und immer wieder liefert ein Min­i­mum an Mate­r­i­al mit­tels Wieder­hol­ung, Per­mu­ta­tion oder Über­lagerung von Tönen und Struk­turen ein Max­i­mum an Aus­druck, den die Auseinan­der­set­zung des Kom­pon­is­ten mit
sein­er sozialen und his­torischen Umge­bung prägt und der ein Zeichen im lateinamerikanis­chen Wider­stand sein will: „Kul­tur ist das, was die Gesellschaft wider­spiegelt und was der Gesellschaft nützt. In jedem Fall ver­mit­telt Musik Bedeu­tun­gen. Sie kann den Sta­tus quo bestäti­gen, negieren oder Alter­na­tiv­en set­zen.“
Neben Botschaften besitzen die zwis­chen 1968 und 2006 ent­stande­nen Werke viele Wurzeln und Iden­titäten. Coriún Aha­ronián (1940–2017) wurde als Sohn armenis­ch­er Eltern, die den Genozid von 1915 über­lebt hat­ten, in Mon­te­v­ideo (Uruguay) geboren. Sein Leben und sein Schaf­fen waren von vielfälti­gen pro­gram­ma­tis­chen und kün­st­lerischen Aktiv­itäten und Funk­tio­nen im eige­nen Land und in Europa bes­timmt – der Kul­tur­wider­stand gegen faschis­tis­che Dik­taturen, gegen die Vere­in­nah­mung der Folk­lore durch die Massen­me­di­en und das Engage­ment für den Dia­log der Kul­turen war ihm wichtig­stes Anliegen. Wie Hen­ze seine Musi­ca impu­ra, so entwick­elt Aha­ronián die Músi­ca pobre – Musik der armen Leute, die in vielfältig­ster Art auch auf der CD zu hören ist: tänz­erisch, kämpferisch, visionär.
Das Stück ¿De qué esta­mos hablan­do? beant­wortet in konzis­er Kürze, worum es eigentlich geht, mit allen Aspek­ten der „mes­tizis­chen Ästhetik“ des Kom­pon­is­ten: „äußer­ste Ökonomie der Mit­tel, beredte Pausen und sig­nifikante Gesten indi­gen­er Tra­di­tion und täglichen Lebens Lateinamerikas, rhyth­mis­che Präg­nanz und räum­liche Weite bei nur weni­gen mikro­ton­al geschärften Ton­höhen und seufzen­den bis schreien­den Lamen­to-Fig­uren.“
Ein Werk wie Una car­ta (Ein Brief) artikuliert hinge­gen das mod­erne Klang­denken Aha­roniáns: Inter­ak­tion virtueller Schicht­en, die durchgängig vorhan­den, aber nicht immer hör­bar sind. Statt diskur­siv angelegt zu sein, tauchen sie immer anders in Unter­brechun­gen, in Grup­pen oder allein, vor- oder nacheinan­der auf. Und ihr Klang­ma­te­r­i­al aus Pop­ulär­sprache und All­t­ags­gestik find­et sich schon im ersten Stück Gente (Leute): Tur­bu­lenz und Sinnlichkeit, Humor und Ver­spieltheit pur…
Für das Ver­ständ­nis der Werke Coriún Aha­roniáns leis­tet das Book­let einen unverzicht­baren Beitrag. Und die kom­pe­ten­ten und hochspezial­isierten Inter­pre­ten leucht­en die musikalis­che Ter­ra incog­ni­ta so wun­der­bar und beein­druck­end aus, dass das span­nende Erleb­nis nicht aus­bleibt!
Eber­hard Kneipel