Heinz Holliger

Un bouquet de pensées

10 Stücke für Oboe (auch Oboe d‘amore und English Horn) (einzelne Stücke auch für Flöte/Klarinette, Saxophon) und Harfe, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 66

Ursu­la und Heinz Hol­liger haben Jahrzehnte im Duo Harfe und Oboe miteinan­der musiziert. Weit­ere Musik Heinz Hol­ligers für diese Beset­zung liegt nun in Form ein­er Samm­lung von zehn kleinen Werken vor – „Geburt­stags­grüße ver­schiede­nen Umfangs an befre­un­dete Kom­pon­is­ten und Instru­men­tal­is­ten“, so Hol­liger selb­st im Vor­wort. Tat­säch­lich ist die Dauer der Stücke sehr unter­schiedlich und umfasst sowohl extrem knappe Minia­turen als auch mehrere Minuten lange konz­er­tante Duette.
Damit nicht nur Obois­t­en (die selb­stver­ständlich auch Oboe d’amo­re und Englis­chhorn vir­tu­os zur Hand haben müssen) das Vergnü­gen haben, diese Musik zu spie­len, sind einige Werke der Samm­lung für Flöte, Alt­flöte, Klar­inette in A und B, Sopransax­o­fon und Alt­sax­o­fon, jew­eils mit Harfe, geset­zt. “Un bou­quet de pen­sées” (Nr. VI) ist das zen­trale Werk der Samm­lung. Es ent­stand 1999 für Hol­ligers Oboen­lehrer Émile Cas­sag­naud und lässt die Oboe, im ruhi­gen Tem­po, in Klän­gen schwel­gen. Die Harfe ist gle­ich­berechtigte Part­ner­in und wirft der Oboe im engen Geflecht musikalis­che Gedanken ent­ge­gen, um bald im Miteinan­der der schö­nen Klänge mit ihr zu ver­schmelzen. Wie immer in der Musik Hol­ligers ist die sehr gute Beherrschung der Instru­mente Voraus­set­zung, um aus den vie­len Noten expres­sive Läufe und Klänge zu zaubern. Hol­liger verzichtet hier (wie auch in den anderen Werken) auf men­su­ri­erte Tak­te, obwohl ein Metrum immer zu spüren ist. Zwis­chen­zeitlich möchte Hol­liger diesen Satz noch ein wenig langsamer, Artiku­la­tio­nen und Dynamik sind genau vorgeschrieben. Die Melodik ist expres­siv, aber durch die Befreiung von der Tonal­ität immer wieder auch schroff und über­raschend.
Nr. I und II kom­men als knappe Minia­turen daher – kurze Grüße zum Ehrentag, in der Abfolge der zehn Duos blitzblanke Open­er. Bei­de sind auss­chließlich für Oboe und Harfe geset­zt. Elliott Carter und Pierre Boulez sind die Geburt­stagskinder, denen diese musikalis­chen Grüße gel­ten. Kom­pon­ist Robert Suter wird im drit­ten Werk bedacht (eben­falls nur für Oboe und Harfe geschrieben): ein paar Minuten vir­tu­os­er, klar­er, atonaler Klangschön­heit. “Scherzinet­to del Sig. „Con­te“” heißt das vierte Werk, gewid­met dem Flötis­ten Peter-Lukas Graf (auch für die Flöte geset­zt). Flotte Sechzehn­tel im anmuti­gen Stac­ca­to zeigen Oboe und Harfe als sportive, fröh­liche Instru­mente.
Das Englis­chhorn darf im siebten Werk seine ganze Klang­macht zeigen, tech­nisch nimmt Hol­liger es jedoch nicht so hart ran wie die Oboe. Die Harfe sekundiert mit lan­gen Klangflächen und san­ftem Fla­geo­lett. Ein Haiku hat Hol­liger zu Zwei Lin­ien, sich find­end (Nr. VIII) inspiri­ert. Auch Alt­flöte, Klar­inette in A oder B, Sopransax­o­fon und Alt­sax­o­fon kann Hol­liger, außer der Oboe d’amore, sich hier vorstellen. Hol­liger set­zt hier zwei „Schlaufen“ gegeneinan­der (Holzblasin­stru­ment ver­sus Harfe), die irgend­wann gemein­sam enden sollen. Zwei weit­ere kurze, impres­sive Werke been­den die Samm­lung. Klar­inette in B und Oboe d’amore dür­fen noch ein­mal tätig wer­den.
Heike Eick­hoff