© Michael Zapf

Lutz Lesle

Umworben wie eine ­spröde Geliebte

15 Monate Elbphilharmonie — ein Höhenflug ohne Bodenkontakt?

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 06

Nachdem die Freudentränen getrocknet waren, die der finale Hymnus aus Brahms’ erster Symphonie dem frisch ernannten NDR Elbphilharmonie Orchester bei der ersten Probe in die Augen trieb, brachte der Konzertmarathon der Eröffnungswochen die ­unvermeidliche Ernüchterung – was die Akustik betraf. Dennoch: Die Elbphilharmonie ist eine Erfolgsgeschichte.

Mit der Akustik der Elbphil­har­monie scheint es sich zu ver­hal­ten wie bei einem der großen Rotweine“, dämpfte Chefdiri­gent Thomas Hen­gel­brock ein halbes Jahr später den Vorschussjubel. „Im Geschmack gehen die Mei­n­un­gen auseinan­der. An der generell über­ra­gen­den Qual­ität des Saales aber gibt es keine Zweifel mehr. Die Trans­parenz ist enorm. Man kann sich tief in ein Musik­stück hinein­horchen, da sich alle Stim­men in großer Deut­lichkeit abbilden. Mir gefällt das sehr. Vor allem Werke mit ein­er kom­plex­en Struk­tur kön­nen ger­adezu neu gehört wer­den. Werke, denen ein gewiss­er emo­tionaler Über­wäl­ti­gungsef­fekt eingeschrieben ist, haben es in diesem klaren und hellen Saal allerd­ings schw­er­er.“
Was weniger der Willkür des Akustik­ers Yasuhisa Toy­ota entspringt als der „Wein­berg-Philoso­phie“ der Architek­ten. Denn anders als Bühne und Saal der Laeiszhalle besitzt der große Saal der Elbphil­har­monie (2150 Plätze) so gut wie keine schall­re­flek­tieren­den Wände. Bei der Aus­for­mung der soge­nan­nten weißen Haut (Pro­filbeschich­tung der Innen­wände) und des Klangtrichters am Saal­him­mel ging es dem Japan­er wesentlich darum, allerorten ein Max­i­mum an Stim­men­klarheit zu erzie­len. Der manch­mal erwün­scht­en Stim­men­mis­chung oder -ver­schmelzung scheint dies indes ent­ge­gen­zuwirken. Daher der Ein­druck, der Saal begün­stige die Bläs­er gegenüber den Stre­ich­ern.

Kein Tempel fürs Kernrepertoire

Grund­sät­zlich sieht sich ein Akustik­er vor die Auf­gabe gestellt, einen Kom­pro­miss zu find­en zwis­chen einem reflex­ion­sar­men und einem hal­len­den Raum. Angesichts der elbphil­har­monis­chen Grot­ten­land­schaft entsch­ied sich Toy­ota für eine trennscharfe Akustik. Gnaden­los insofern, als sie nichts mildert: kein Papierknis­tern, kein Hüsteln, keinen ver­rutscht­en Ton. Alles nimmt sie gle­ich wichtig: Haupt- und Neben­stim­men, Vorder- und Hin­ter­grund, Ober- und Unter­schicht­en des „Klan­gleibs“. Das bedeutet auch: Sie niv­el­liert, ebnet ein.

Mit der Akustik der Elbphil­har­monie scheint es sich
zu ver­hal­ten wie bei einem der großen Rotweine:
Im Geschmack gehen die Mei­n­un­gen auseinan­der.

Was nicht jedem Hör­er behagt. Und vor allem nicht jed­er Musik anste­ht. Inten­dant Christoph Lieben-Seut­ter hat­te schon recht, als er von einem „Saal des 21 Jahrhun­derts“ sprach: kein Ort der Ent­führung und Über­wäl­ti­gung, kein Hall­raum für gebi­eter­isches Pathos. Mithin kein Tem­pel für das klas­sisch-roman­tis­che „Kern­reper­toire“. Beethoven und die Roman­tik­er kan­nten keinen zen­tralen, vom Pub­likum „umsesse­nen“ Spielort. Sie kom­ponierten für kas­ten­för­mige Konz­ert­säle mit schall­re­flek­tieren­der Büh­nen­front. Was nicht heißen soll, Hen­gel­brock möge auf sein „Aben­teuer Beet­hoven“ verzicht­en.

Die Chance aber, ein vorurteil­s­los her­beiströ­mendes Pub­likum in Ton­wel­ten der Mod­erne und Gegen­wart zu „ver­wick­eln“, sollte die Inten­danz keines­falls ver­tun. Insofern war Ingo Met­z­mach­ers konz­er­tante Auf­führung der Oper Moses und Aron von Arnold Schön­berg gle­ich zu Betrieb­s­be­ginn die richtige Ansage. Mit dem Fes­ti­val „Into Ice­land“ oder der Gesangsszene Shir­im (Lasst uns sin­gen), die Matthias Pintsch­er dem hebräis­chen Urtext des Hohen­liedes abhorchte, bewegten sich die Eröff­nungswochen auf ein­er Pro­gramm­lin­ie, die den Seg­nun­gen des futur­is­tis­chen Konz­erthaus­es entspricht.
In die gle­iche Rich­tung wies Kent Nagano mit der Urauf­führung des Ora­to­ri­ums Arche: abend­fül­len­der Stresstest für den großen Saal, den Jörg Wid­mann im Auf­trag der Ham­burg­er Phil­har­moniker raum­greifend aus­reizte (vgl. das Orch­ester 4/2017, S. 47). Nach der viel­stim­mi­gen Sint­flut und Mahlers „Sym­phonie der Tausend“ erre­ichte die Schallof­fen­sive des Phil­har­monis­chen Staat­sor­ch­esters mit Schön­bergs Gurre-Liedern im Juni 2017 ihren vor­läu­fi­gen Zen­it.

Lesen Sie weit­er in Aus­gabe 5/18