Schaarwächter, Jürgen

Two Centuries of British Symphonism. From the beginnings to 1945

Vol 1 und 2

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2015
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 68

Ist Großbri­tan­nien eine Musik­na­tion? In Zeit­en des Pop und Rock dürfte daran kein­er mehr zweifeln. Dem Anschein nach war das aber nicht immer so. Es gab zwar seit jeher ein reich­es Musik­leben, aber die meiste Musik war „Impor­tar­tikel“. Die Sin­foniker hät­ten sich wohl zu sehr an den „Schulen“ ander­er Län­der ori­en­tiert, als dass man von einem eigen­ständi­gen britis­chen Stil vor 1900 sprechen kön­nte. Offen­bar führte das britis­che Under­state­ment dazu, dass die ein­heimis­chen Kom­pon­is­ten noch bis weit ins 20. Jahrhun­dert ihre eige­nen Schöp­fun­gen eher wenig goutierten. Gegen Ende des zweit­en Ban­des zitiert Jür­gen Schaar­wächter Col­in Wil­son, der noch 1964 recht bit­ter bemerk­te: „Eng­land is a strange coun­try, whose cus­tom is to ignore its men of genius for a as long as pos­si­ble.“
Doch diese Über­legun­gen müssen als typ­is­che Vorurteile ad acta gelegt wer­den, wenn man liest, wieviel sin­fonis­che Musik auf der Insel ent­stand. Über etliche der in den Bän­den von Jür­gen Schaar­wächter nun verze­ich­neten Werke und Kom­pon­is­ten find­et man selb­st im Grove Dic­tio­nary nicht mehr als dürre Noti­zen. In chro­nol­o­gis­ch­er Rei­hen­folge lis­tet Schaar­wächter nun Kom­pon­ist um Kom­pon­ist, Sin­fonie um Sin­fonie auf und ord­net diese Werke mit Analy­sen von stilis­tis­chen Ein­flüssen in einen musikgeschichtlichen Zusam­men­hang ein. Zahlre­iche Notenbe­spiele und Illus­tra­tio­nen ergänzen die Artikel zu den einzel­nen Kom­pon­is­ten, und auch die biografis­chen Porträts sind umfan­gre­ich­er, als man sie in den Lexi­ka find­et.
Der über­aus nüt­zliche Anhang von über 200 Seit­en verze­ich­net die Kom­pon­is­ten und Werke noch ein­mal geson­dert – dieses Mal alpha­betisch. Hier sind auch die Fund­stellen und Quellen und vor allem Ver­weise auf die noch vorhan­de­nen Auf­führungs­ma­te­ri­alen sehr nüt­zlich. Die Ver­weise auf die Orte der Urauf­führun­gen geben zudem einen inter­es­san­ten Ein­blick in das britis­che Musik­leben. Beset­zungsangeben sind eben­so mit aufge­führt wie die Texte der Sin­fonien, die einen vokalen Anteil haben. Die Bib­li­ografie nen­nt mit ihren 125 Seit­en ver­mut­lich alles, was man zu dem The­ma der britis­chen Sin­fonik derzeit lesen kann und je lesen kon­nte.
Man staunt, sobald man die zwei Bände auf­schlägt, über die Menge der Dat­en und Fak­ten. Two Cen­turies of British Sym­phon­ism wird die ein­schlägi­gen Lexi­ka ergänzen und all jene Pro­gramm-Plan­er oder CD-Pro­duzen­ten erfreuen, die auf der Suche nach „unent­deck­tem“ musikalis­chen Mate­r­i­al sind. Es ist ein gewichtiges Werk, das Jür­gen Schaar­wächter da vorgelegt hat. Schon in sein­er Dis­ser­ta­tion hat­te er sich mit der britis­chen Sin­fonie von 1914 bis 1945 befasst. Mit dem nun vor­liegen­den zweibändi­gen Werk ist dem Autor auf Anhieb das Stan­dard­w­erk zu dem The­ma gelun­gen.
Ger­not Woj­narow­icz