Neuwirth, Olga

Trurliade – Zone Zero

Relief méta-sonore – für Schlagwerk-Solo und Orchester, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ricordi, Berlin 2016
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 61

Seit Beginn ihrer Kar­riere, so Olga Neuwirth in einem aus­führlichen Kom­men­tar zu ihrem jüng­sten, im August 2016 beim Lucerne Fes­ti­val uraufge­führten Werk, habe sie immer wieder kom­ponierend ihrer Fasz­i­na­tion für Musikau­to­mat­en und mech­a­nis­che Ver­läufe nachge­spürt. Oft genug spie­len entsprechende Ten­den­zen in Neuwirths Musik eine zen­trale Rolle, doch sel­ten rück­ten sie bis­lang so dezi­diert in den Mit­telpunkt wie in ihrem rund halb­stündi­gen Schlagzeugkonz­ert.
Bere­its der Titel mit sein­er Bezug­nahme auf die Mas­chine des Robot­ers Trurl aus Stanis­law Lems Kybe­ri­ade deutet auf die Bedeut­samkeit des Mech­a­nis­chen, die von Anfang an das Ver­hält­nis zwis­chen Solist und Orch­ester bes­timmt: Als Indi­vidu­um ste­ht der Schlagzeuger der Appa­ratur eines groß beset­zten Orch­esters gegenüber, um per­ma­nent gegen sie anzus­pie­len und sich erfind­ungsre­ich mith­il­fe sein­er Klang- und Mate­ri­alerkun­dun­gen den in sta­tis­che Akko­rde aufge­fächerten oder mech­a­nisch in sich kreisenden Tex­turen zu entziehen.
Diese Bemühun­gen bindet die Kom­pon­istin nicht nur an gängige Klangerzeuger, son­dern auch an diverse vom Solis­ten „frei wählbare Objek­te und Instru­mente zum Anstre­ichen“ sowie an Ready-mades wie Bier­dosen und Met­al­lob­jek­te vom Schrottplatz: ein klin­gen­der Ein­bezug von Alltäglichem also, der nicht zulet­zt, ver­mit­telt über den Unter­ti­tel Relief méta-sonore, auf Jean Tinguelys zwis­chen Humor und tief­gründi­gem Ernst pen­del­nden maschi­nenähn­lichen Skulp­turen ver­weist und die darin anzutr­e­f­fende Umwand­lung von Gegen­stän­den der Weg­w­er­fge­sellschaft in Objek­te aus unkalkulier­bar schwin­gen­den Met­all­teilen spiegelt.
All diese Bausteine nutzt die Kom­pon­istin zur Ausar­beitung von Klan­gräu­men und Bewe­gungsver­läufen, deren Ideen­re­ich­tum let­ztlich auch für grundle­gende ästhetis­che Über­legun­gen Neuwirths sen­si­bil­isiert – geht es hier doch um das Kom­ponieren für eine Zeit, in welch­er die geschlossene stilis­tis­che Ori­en­tierung der Musik frag­würdig gewor­den und daher durch einen weitre­ichen­den Anspielungsre­ich­tum erset­zt ist.
Für die Aus­führen­den erweist sich die Trurli­ade als eben­so lohnend wie her­aus­fordernd: Dem Solis­ten wird ein in tech­nis­ch­er wie physis­ch­er Hin­sicht erschöpfend­es Aktion­sspek­trum zuge­mutet, das zudem eine bedeut­same the­atrale Spur aus­bildet; zugle­ich stellt die Kom­pon­istin aber auch immer wieder inter­pre­ta­torische Freiräume bere­it, für die sie lediglich Klangvorstel­lun­gen, Instru­menten­wahl oder einzelne Spielfig­uren fes­tlegt, während die Feingestal­tung dem Schlagzeuger über­lassen bleibt. Das Orch­ester wiederum ist, ins­beson­dere in den rhyth­misch sich ent­fal­tenden Tut­tiblöck­en, zu äußert präzisem Agieren ange­hal­ten, wobei auf­grund der geforderten mikroin­t­er­val­lis­chen Ver­stim­mung bei­der Vio­l­in­grup­pen gegeneinan­der auch die into­na­torischen Anforderun­gen steigen und das Aktion­sspek­trum mitunter auf zusät­zliche mech­a­nis­che Klangerzeuger wie Miniatur­ven­ti­la­toren aus­gedehnt wird.
Ste­fan Drees