Müller-Wieland, Jan

Triptychon

für Orchester, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Sikorski, Hamburg 2010
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 71

Triptychon (griechisch: Falttafel) ist der Titel eines Orchesterwerks von Jan Müller-Wieland, das 2004 im Auftrag der Thüringer Landesaustellung anlässlich des Tages der deutschen Einheit vom Loh-Orchester Sondershausen/Max-Bruch-Philharmonie Thüringen uraufgeführt wurde. Das Werk erschien nun bei der Edition Sikorski in Hamburg.
Jan Müller-Wieland (*1966 in Hamburg) ist seit 2007 Professor für Komposition an der Musikhochschule München, studierte bei Friedhelm Döhl, Oliver Knussen und Hans Werner Henze, ist auch als Dirigent tätig, z.B. beim DSO Berlin, der Staatskapelle Berlin und der Hamburger Camerata und erhielt zahlreiche Preise und Stipendien von der Villa Massimo (Rom), der Cité des Arts (Paris), des Tanglewood Music-Center und 2002 den Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung.
Wie der Komponist im Vorwort schreibt, besteht das Grundmaterial der drei Sätze „Largamente“, „Burlando, burrascoso“ und „Adagio vacillando“ aus einer gospelartigen Floskel und aus einer chromatisch absteigenden Linie (Passus duriusculus). Diese beiden Elemente erscheinen ganz zu Beginn gleichzeitig sehr zart und zerbrechlich in der Harfe und den Violinen. In immer neuen Klangkombinationen tauchen die Motive im weiteren Verlauf auf, oft solistisch in den Holzbläsern und im groß besetzten Percussionsinstrumentarium. Einerseits spreizen extreme Lagen und Dynamik den Klang wie z.B. in der Piccoloflöte, Harfe und Tuba, andererseits schreckt der Komponist aber auch nicht vor Sextenreihen und Dur- und Moll-Dreiklängen zurück. Neben diesen filigranen Teilen stehen besonders im Mittelteil massive Klangblöcke und weit ausholende Bögen der Streicher und Blechbläser, unterstützt von ostinaten Figuren und dynamischen Wellen der Holzbläser und Schlaginstrumente. Sympathisch an der Tonsprache des Komponisten ist die Abwesenheit von „Neuen Klängen“ oder Geräuschen. Seine neuen Klänge erfindet er mit traditionellen Mitteln, nahe an der menschlichen Aufnahmefähigkeit und ist darin ein würdiger Nachfolger seiner Vorbilder und Geistesverwandten Janácek, Mahler und Henze.
Wie bei einem dreiteiligen Altarbild bündelt der Mittelteil alle Ideen, variiert sie in vielfacher Weise und behauptet seine zentrale Stellung schon allein durch die dynamische Wucht. Die beiden Seitenteile, die man auch als Prolog und Epilog sehen kann, sind jedoch aus Gründen der Balance und Ausgeglichenheit unabdingbar. In der bildenden Kunst wird die Form des Triptychons verwendet, wenn es um große Erschütterungen oder Ausnahmezustände geht. Müller-Wieland schien es wohl passend, dem Tag der deutschen Einheit in dieser Form zu gedenken, um den extremen Gefühle vieler Menschen zu diesem Thema Rechnung zu tragen. Leid und Trauer und einen „schweren Gang“ symbolisiert die chromatisch abwärtssteigende Linie, die gute Nachricht (altenglisch: god = gut und spel = nachricht) verbreiten die pentatonischen, lebensfrohen Figuren des Gospelmotivs. Jeder Zuhörer wird sich wohl an andere Bilder und Szenen erinnern und mit seinen Sinnesorganen zu individuellen Sinneserkenntnissen gelangen.
Thomas Richter