Trios von Gabriel Fauré, Maurice Ravel und Germaine Tailleferre

Trio Karénine

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Mirare
erschienen in: das Orchester 1/2019 , Seite 74

Nicht nur im echt­en Leben, auch in der Musik gel­ten die Fran­zosen als Roman­tik­er. Die hier zu hören­den sind (Spät-)Romantiker alle drei, Fran­zosen alle drei, alle drei dem 20. Jahrhun­dert ange­hörend (was nicht ein­fach bei der Inter­pre­ta­tion ist), alle drei aber so unter­schiedlich und doch vere­int durch ihre Aus­druck­stiefe, ihre Inner­lichkeit, die sich abwech­selt mit Expres­siv­ität, Feinsinn, Aggres­siv­ität. Eigen­schaften, die auch das Schick­sal von Anna Karen­i­na prä­gen, der Namensge­berin des Trios. Dieses Schick­sal nehmen sich die drei Musik­er sehr zu Herzen – Karen­i­nas Unglück, ihren Kon­flikt zwis­chen Fam­i­lie, Gesellschaft und Liebe, sämtlich große emo­tionale The­men.
Die Inter­pre­ten – Fan­ny Robil­liard an der Geige, Louis Rodde am Cel­lo und Palo­ma Kouider am Klavier – haben ihre musikalis­che Aus­bil­dung zumin­d­est teil­weise in Frankre­ich absolviert und sind sich beein­druck­end einig, wie diese Eige­narten, Gemein­samkeit­en, Ver­schieden­heit­en darzu­bi­eten sind.
Sie selb­st beze­ich­nen Fau­rés Klavier­trio von 1923 als „lyrisch“ – wohl wahr. Aber fast bess­er als die lyrische Seite brin­gen sie die ver­bor­ge­nen drama­tis­chen Momente zum Klin­gen. In ein­er beina­he bedrück­enden Dichtigkeit der Tonge­bung gehen die Instru­mente aufeinan­der zu, ver­schmelzen gar in Har­monien wie in Dis­so­nanzen, in den him­mel­wärts drän­gen­den Läufen des Alle­gro vivo, in der reich­halti­gen Har­monik, den sub­tilen Mod­u­la­tio­nen, der wun­der­baren Melodik.
Flir­rend, flat­ternd kommt das Mod­éré in Rav­els a-Moll-Trio daher, unbändig getrillert sein Finale. Ohne die anderen inter­pre­ta­torischen Ansätze und Ein­fälle schmälern zu wollen: Ein­er der beein­druck­end­sten Ohren-Blicke ist sicher­lich der Beginn der Pas­sacaille von Rav­el.
Schön, dass hier mit Ger­maine Taille­ferre eine Kom­pon­istin zu Gehör gebracht wird. So viele Werke für diverse Beset­zun­gen hat sie geschrieben, die lei­der kaum bekan­nt sind. Taille­fer­res Klavier­trio: ein ungewöhn­lich kurzes, nicht min­der bewe­gen­des und anspruchsvolles Stück, 1978 fer­tiggestellt und damit ein spätes, dessen weit zurück­liegende Anfänge das Trio Karé­nine impres­sion­is­mus­ge­treu wiedergibt. Am Ende lassen die Inter­pre­ten die Hören­den – beab­sichtigt – ein wenig rat­los zurück.
Über die Vielzahl von Glis­san­di in dieser Auf­nahme mag man disku­tieren, zumin­d­est jedoch bekräfti­gen auch sie den Ruf der Fran­zosen als Roman­tik­er. Ein wenig jugendlich­er Leichtsinn, der wenige Ruhep­hasen zulässt, schadet dem musikalis­chen Tief­gang nicht. Seit sein­er Grün­dung 2009 in Paris ist das Trio Karé­nine häu­figer hier und da zu Gast, hat diverse Preise gewon­nen und einiges von Schu­mann einge­spielt und überzeugt auch hier wieder mit sein­er Lebendigkeit, seinem beina­he über­bor­den­den Tem­pera­ment, sein­er muti­gen, zupack­enden Spiel­weise, die man gerne nicht „nur“ hören, son­dern auch in „Ohren-Blick­en“ erleben möchte.
Car­o­la Keßler