Gershwin, George

Three Preludes für Streichquartett

arr. von Ernst-Thilo Kalke, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Uetz, Halberstadt 2012
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 67

George Gersh­wins Schaf­fen stellt pro­to­typ­isch die Über­win­dung der Gren­zen zwis­chen soge­nan­nter U- und soge­nan­nter E- Musik dar. Viele sein­er Songs sind Jazz-Stan­dards gewor­den, seine Konz­ert­musik und die Oper Por­gy and Bess feste Bestandteile des Reper­toires. Die drei Pre­ludes aus dem Jahr 1926 sind trotz ihrer Kürze wichtige Orig­i­nalklavier­stücke, die für diesen Kom­pon­is­ten Charak­ter­is­tis­ches zeigen: eine ein­prägsame, nie banale Melodik, eine gut aus­ge­hörte, dis­so­nanzre­iche Har­monik, Tanzrhyth­men, hier noch ver­bun­den mit ver­schiede­nen Aus­prä­gun­gen der A‑B-A-Form als Ref­erenz an das lyrische Klavier­stück der Roman­tik. Ein Arrange­ment für Stre­ichquar­tett kann daher eine willkommene Bere­icherung der Stück­e­liste sein (von Jascha Heifetz existiert eine Fas­sung für Vio­line und Klavier).
Bei Ein­rich­tun­gen sollte entwed­er das Orig­i­nal soweit wie möglich beibehal­ten oder aber deut­lich abwe­ichend von diesem arrang­iert wer­den. Ernst-Thi­lo Kalke entsch­ied sich zu Recht für die erste Möglichkeit, da diese Pre­ludes sehr bekan­nt sind. Aber er bleibt dabei inkon­se­quent, allen Schlus­sakko­r­den fügt er eine Sexte hinzu (nur das blue­sar­tige zweite hat hier eine Dis­so­nanz, die kleine Sep­time), die let­zten bei­den Tak­te des Andante erset­zt er irri­tieren­der­weise durch einen eige­nen Fün­f­tak­ter.
Die Tonarten­folge B‑Dur, cis-Moll, es-Moll (die Grundtöne bilden den Beginn der Blues-Ton­leit­er) ist hier stre­ich­er­spez­i­fis­ch­er als B‑Dur, d‑Moll, e‑Moll gefasst. Meist wer­den für die vier Instru­mente charak­ter­is­tis­che Lagen gewählt, die Rhyth­men gut spiel­bar aufgeteilt. Der Part der 1. Vio­line ist in der Schwierigkeit her­aus­ge­hoben, kaum real­isier­bar ist ein Spiel in Oktaven im ersten Alle­gro. Zuweilen fehlen wichtige Akko­rdtöne (z.B. Nr. 1, T. 33 ff.) oder auch Basstöne (Nr. 3, T. 29 ff.), lei­der auch die Pen­del-Gegen­be­we­gung im zweit­en Blues-Cho­rus.
Der Noten­text ist gut les­bar und enthält kaum Fehler (ein Kontra‑B auf dem Cel­lo, eine None als Basston, Nr. 2, T. 13). Da Stre­ich­er üblicher­weise nicht tem­periert spie­len, kön­nte die Into­na­tion in eini­gen Tak­ten durch die gegenüber dem Orig­i­nal abwe­ichende Nota­tion getrübt wer­den, als Beispiel Nr. 1, T. 22, dritte Achtel­note: Hier ste­ht e – d – as1 – des1, Gersh­win hält die Logik des Terzenauf­baus ein, e – d – gis1 – cis1 ist dann als E7/13-Akko­rd les­bar.
Kalkes Arrange­ment ist für fort­geschrit­tene Quar­tette geeignet. Da wenig Vor­trags­beze­ich­nun­gen angegeben sind, sind klare Absprachen während der Probe­nar­beit nötig. Die Bear­beitung hätte noch spez­i­fis­ch­er für die vier Stre­ichin­stru­mente angelegt wer­den kön­nen. Es fehlen z.B. Fla­geo­letts oder Glis­san­di, eben­so ein Hin­weis, wie rasches Wech­seln zwis­chen arco und pizz. umzuset­zen sein soll. Den­noch bildet diese Veröf­fentlichung eine sin­nvolle Bere­icherung des Reper­toires.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau