Josef Bor

Theresienstädter Requiem

Novelle

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Reclam, Ditzingen/Stuttgart 2021
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 71

Was mag in Kopf und Herz eines Shoah-Über­leben­den vorge­hen, der Lager, Zäune, Trans­porte und einen lachen­den Adolf Eich­mann beschreiben muss? Diese Frage pocht bei der Lek­türe von Josef Bors Nov­el­le There­sien­städter Requiem behar­rlich im Hin­terkopf. Denn das tat der ungarisch-jüdis­che Jurist und Autor, selb­st 1942 ins KZ There­sien­stadt deportiert. Dort hat­te sein Fre­und, der Diri­gent Rafael Schächter, den unwahrschein­lichen und doch wahren Plan gefasst, Verdis Requiem aufzuführen – mit seinen jüdis­chen Mit­ge­fan­genen, vor der SS und ihren Scher­gen. Es gelang – und ließ sog­ar Adolf Eich­mann aus Berlin anreisen und in schrilles Gelächter aus­brechen: „Die Juden sin­gen in There­sien­stadt das Requiem?“
Das ist, triv­ial gesagt, der Plot dieses schmalen Buch­es von Josef Bor, der als einziger sein­er Fam­i­lie den Juden­mord über­lebte. Doch es ist so viel mehr. Denn die katholis­che Toten­messe wird zum Zeichen des Wider­stands und der Hoff­nung gle­icher­maßen in diesem Jahr 1944. Der Krieg neigt sich dem Ende, die Russen kom­men näher. Das und Verdis Musik treiben den Diri­gen­ten, hier Ráfik genan­nt, an. Wenn er es als seinen Vorteil sieht, dass die Deutschen so viele jüdis­che Kün­stler ins Ghet­to ges­per­rt haben, ist das nicht der erste Gänse­haut­mo­ment. Dass der alte Mann, der leise um Suppe bet­telt, hochmusikalisch ist, wie sich zeigt, ist so anrührend wie die Melodie, die später seine Frage vom Cel­lo erklin­gen lässt. Das muss, wie auch die Noten und alles andere, ins Lager geschmuggelt wer­den. Damit ist Bor beim nor­malen, grausi­gen KZ-All­t­ag: Schläge, Hunger und immer die Angst vor dem näch­sten Trans­port. Für den nicht uneitlen Ráfik heißt das: Trans­porte raus aus dem Lager nah­men, Trans­porte rein bracht­en ihm Sänger für den Chor.
Solche Szenen und Gedanken wirken in der neuen Über­set­zung von Antonín Brousek härter und unbarmherziger als in der bish­eri­gen Über­tra­gung, die Dis­pute über die Musik essen­zieller. Denn es wird nicht nur eifrig geprobt, son­dern auch ein­dringlich disku­tiert: immer wieder die – nicht von allen bejahte – Frage, ob dieses katholis­che Werk für Juden die richti­gen Klänge sind. Aber das Offer­to­ri­um scheint ihnen die Lager­tore zu öff­nen, das Requiem die Chance zu sein, der SS ein „Wir haben es dir gezeigt, Hosian­na“ entgegenzuschleudern.
Aber es geht auch darum: Wie spricht, singt man mit slaw­is­chem Zun­gen­schlag lateinis­che Worte? Das mag aus heutiger Sicht lap­i­dar erscheinen, doch für die von Gewalt und Tod Bedro­ht­en sind die Proben „die bessere Zeit“. Dann endlich kön­nen Ráfik und seine Sänger beweisen, welche Kraft die Musik ihnen gibt und was sie freiset­zen kann – dem höh­nis­chen Eich­mann zum Trotz. Doch den vom Pauk­er in das Requiem-Finale geschmuggel­ten drei Schlä­gen aus der Schick­salss­in­fonie fol­gt das erwart­bar-bit­tere Ende. Die SS hat­te den jüdis­chen Kün­stlern ver­sprochen, sie nicht zu tren­nen – den­jeni­gen, die in die ersten Wag­gons des Trans­ports stiegen.
Das ist, 76 Jahre nach der Befreiung der KZs, immer noch sehr bewe­gend und nicht nur als Lek­türe verpflichtend.
Ute Grundmann