Anton Bruckner

The Symphonies – The Story – The Film

Stiftsbasilika St. Florian, 2017-2019. Münchner Philharmoniker, Ltg. Valery Gergiev, inkl. Dokumentation und 2 Bücher

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Arthaus Musik
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 69

Kommt er nun oder kommt er nicht – der Beck­en­schlag im Ada­gio-Satz der 7. Sym­phonie von Anton Bruck­n­er? Chefdiri­gent Valery Gergiev und seine Münch­n­er Phil­har­moniker haben sich bei ihrer Ein­spielung der Gesam­taus­gabe der Sym­phonien für die eigen­händi­ge und ein­deutige „gilt“-Anweisung des Kom­pon­is­ten entsch­ieden. „Als wir unseren Bruck­n­er-Zyk­lus in Angriff nah­men, war es uns eine beson­dere Ehre, alle Sym­phonien auf Ein­ladung des Bruck­n­er­festes auch in  der Stifts­basi­li­ka St. Flo­ri­an in der Nähe von Linz aufzuführen“, so Mae­stro Gergiev im Book­let. „Hier hat Bruck­n­er einen Großteil sein­er Jugend ver­bracht, und hier liegt er auch begraben.“ Ein authen­tis­ch­er Ort also für die Livemitschnitte in den Sep­tem­ber­monat­en der Jahre 2017 bis 2019. Wobei allerd­ings zwei frühe Stu­di­en­sym­phonien, darunter die als „Nullte“ bekan­nte d‑Moll-Sym­phonie, aus­ges­part bleiben.
Was gilt oder nicht? Urfas­sung, Orig­i­nal­fas­sung, Fas­sung let­zter Hand: Vor dieser Entschei­dung ste­ht wohl ein jed­er Diri­gent, der Bruck­n­ers Musik zum Klan­gleucht­en brin­gen will. Manch­mal verän­derte der Kom­pon­ist seine Werke aus eigen­em Antrieb, oft auf­grund feind­seliger, ver­ständ­nis­los­er Kri­tik, meis­tens jedoch unter dem fatal­en Ein­fluss „wohlmeinen­der“ Fre­unde, deren unge­fragter Ratschläge oder eigen­mächtiger Ein­griffe in seine Par­ti­turen er devot zustimmte.
Gergiev entsch­ied sich dage­gen für jene möglichen Fas­sun­gen, die seinen Inten­tio­nen entsprachen. Das Ergeb­nis: Glanzvoller und exten­siv­er lassen sich Span­nungs­felder kaum aus­forschen, opu­lente Klang­massierun­gen erstaunlich trans­par­ent erhören und lyrische Episo­den in ver­hal­tener Inten­sität nach­lauschen. Seine Erkun­dun­gen gle­ichen berg­steigerischen Exkur­sio­nen durch gewaltige Gebirgs­mas­sive. Daran teilzunehmen und sie zu ersteigen, erzeugt sowohl den Musik­ern als auch dem Pub­likum hör­bare Won­neschauer. Gergiev hat stets das große Ganze im Blick und lässt einem die Zeit, sich an den vie­len am Weges­rand liegen­den Details erfreuen zu kön­nen. Man spürt seine Sen­si­bil­ität, genießt mit ihm und den Musik­ern den lan­gen Gipfe­lauf­stieg neb­st aus­druck­sre­ichem Panoram­ablick und deren for­mi­da­ble Fähigkeit, jed­er Sym­phonie den ihr eige­nen Charak­ter zu geben.
Kaum nach­lassende Span­nung, dynamis­che Dif­feren­zierun­gen und ein sicheres Gespür für die Form (alle Eck­sätze haben Sonaten­form mit drei The­men, alle langsamen Sätze sind ähn­lich gebaut und alle Scherzi dre­it­eilig) ver­helfen den spätro­man­tis­chen Gefühlswel­ten (4. Sym­phonie) durch der Musik­er klangsinnlich­es Spiel genau­so zu gebühren­der Wirkung wie das har­monis­che Neu­land der tonal mehrdeuti­gen 8. Sym­phonie. Erwäh­nt wer­den muss auch die solide Kam­er­aführung, die den Kirchen­raum mit sein­er Gemälde­pracht und sein­er architek­tonis­chen und fig­u­ralen Üppigkeit ins Blick­feld rückt. Nicht weniger gelun­gen die filmis­che Doku­men­ta­tion (Regie: Rein­er E. Moritz) mit Inter­views über „Anton Bruck­n­er – Das verkan­nte Genie“. Nun nicht mehr!
Peter Buske