Gabriel Fauré

The Secret Fauré III. Sacred Vocal Works – Requiem

Katja Stuber (Sopran), Benjamin Appl (Bariton), Balthasar-Neumann- Chor, Sinfonieorchester Basel, Ltg. Ivor Bolton

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 12/2020 , Seite 70

Auf dieser CD sind alle fünf geistlichen Werke für Chor und Orchester von dem vor 175 Jahren  geborenen französischen Agnostiker Gabriel Fauré (1845-1924) vereint. Sie wirken überwiegend sanft, so wie der Komponist sich selbst sah. Noch relativ lärmig wirkt Super flumina Babylonis für Chor und Orchester N (= Nectoux-Verzeichnis der Werke dieses Meisters) 6, das Fauré 1863 – also mit gerade einmal 18 Jahren – als Jahresabschlussarbeit an der École Niedermeyer schuf.
Der in der Musikgeschichte recht häufig vertonte Psalm 126 in lateinischer Sprache beginnt hier mit einem Vorhaltmotiv in den Streichern, das zugleich für den Fluss Euphrat und die Leiden der Juden in der babylonischen Gefangenschaft steht. Für das schon gewandtere Cantique de Jean Racine op. 11 N 42 (1865), hier in der Fassung für Chor und Sinfonieorchester (1905), erhielt der aufstrebende junge Komponist als Abschlussarbeit an der École Niedermeyer einen ersten Preis. Es beruht auf einer der Hymnen im römisch-katholischen Stundenbuch (Breviarium Romanum), die Racine 1688 auf Französisch nachgedichtet hatte.
Die schlichte Messe des pêcheurs de Villerville für Frauenchor und Kammerorchester N 60 schrieb Fauré 1881 gemeinsam mit André Messager während eines Sommeraufenthalts in Villerville in der Normandie zugunsten der Unterstützungskasse der örtlichen Fischer. Die beiden jüngsten Beiträge sind hier erstmals eingespielt. Der eine ist das wohlklingende und gut sechsminütige, von Robin Tait 2019 rekonstruierte Prélude für Chor und Orchester (1890) aus der ansonsten nicht komponierten Schauspielmusik La Passion N 109 nach Edmond Haraucourt über die Leiden der Menschheit. Der andere ist die 2011 von Christina M. Stahl und Michael Stegemann erstellte Rekonstruktion der im Rahmen der Weltausstellung des Jahres 1900 in Paris uraufgeführten „sinfonischen“ Fassung des längsten und bekanntesten Werks der CD, nämlich Faurés Messe de Requiem für Sopran, Bariton, gemischten Chor und Orchester op. 48 N 97b. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie sich Fauré im Laufe seines Lebens allmählich von seinen Vorbildern Hector Berlioz, Felix Mendelssohn Bartholdy, Charles Gounod und César Franck emanzipierte, nach und nach zu einem sehr persönlichen Stil fand.
Der Balthasar-Neumann-Chor aus Freiburg im Breisgau und das Sinfonieorchester Basel legen hier unter der Leitung von Ivor Bolton eine jederzeit klare und korrekte Aufnahme vor. Zum sinnlichen romantischen Fluss kommt ein passender Schuss barocke Rhetorik und nicht zuletzt ein klug gezügeltes Vibrato. Schlackenlos wirken auch die beiden Gesangssolisten. Faurés geistliche Musik ist selten aufdringlich, wird uns hier aber diskret nahegebracht.
Ingo Hoddick