Rachmaninow, Schostakowitsch, Prokofiew und Shchedrin

The Russian Album

Christoph Croisé (Violoncello), Alexander Panfilov (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Avie
erschienen in: das Orchester 05/2020 , Seite 78

Die vor­liegende Ein­spielung kam­mer­musikalis­ch­er Werke für Vio­lon­cel­lo und Klavier bildet eine bemerkenswerte Zusam­men­stel­lung. Wie es auch der Titel The Russ­ian Album zum Aus­druck bringt, vere­int die einge­spiel­ten Stücke, dass sie aus der Fed­er rus­sis­ch­er Meis­ter stam­men, welche im 20. Jahrhun­dert gewirkt haben. Doch ist ger­ade für das 20. Jahrhun­dert eine aus­ge­sproch­ene Vielfalt an – zu großem Teil sehr kon­tro­ver­sen – Stilen charak­ter­is­tisch, was sich auch in der Auswahl der einge­spiel­ten Werke wider­spiegelt.
Mit Sergej Rach­mani­now ist ein Kom­pon­ist vertreten, welch­er der Ton­sprache der Spätro­man­tik zuge­tan war, während das Werk seines Zeitgenossen Sergej Prokofiew trotz einiger Rück­griffe auf klas­sis­che Struk­turen als rev­o­lu­tionär gilt.
Die einge­spiel­ten Werke von Dmitri Schostakow­itsch und Rodi­on Shchedrin repräsen­tieren zudem die fort­geschrit­tene Mod­erne in der vor­liegen­den Auf­nahme. Dieser gegebene Stilplu­ral­is­mus fordert von den Inter­pre­ten eine hohe Anpas­sungs­fähigkeit im Umgang mit den ver­schiedenar­ti­gen Werken. Cel­list Christoph Croisé und Pianist Alexan­der Pan­filov erweisen sich dieser Anforderung als in jed­er Hin­sicht gewach­sen.
Rach­mani­nows Cel­losonate in g-Moll op. 19, die den Auf­takt bildet, ste­ht mit ihrer tonalen Erdung noch ganz im Geist der Spätro­man­tik. Bei­de Kün­stler überzeu­gen mit einem aus­ge­sprochen feinen Sinn für die melan­cholisch anmu­ten­den Kan­tile­nen. Beein­druck­end ist der sonore und zugle­ich weiche Ton des Cel­los, den Croisé seinem Instru­ment ent­lockt. Beson­ders im langsamen Satz „Andante“ kom­men diese Eigen­schaften in lang phrasierten Bögen mit inniger Gestal­tung der Melodie zu ihrer vollen Ent­fal­tung. Bei­den Kün­stlern gelingt eine äußerst geschmack­volle Abwech­slung von drama­tis­ch­er An- und auflösender Entspan­nung.
Mit ganz anderen Anforderun­gen wartet hinge­gen Schostakow­itschs Cel­losonate in d-Moll op. 40 auf. Obwohl äußer­lich der klas­sis­chen Satz­folge verpflichtet, trägt sie markante Züge der Mod­erne. Hier sind bei­de Inter­pre­ten gefordert, trotz der oft unklaren har­monis­chen Ver­hält­nisse den Zusam­men­halt zu wahren, was Croisé und Pan­filov be­sonders durch ihr präzise abges­timmtes Zusam­men­spiel auf vor­bildliche Weise umset­zen. Gle­ich­es gilt für Prokofiews Marsch, ein Arrange­ment aus sein­er Oper Die Liebe zu den drei Orangen. Beein­druck­end sind vor allem die Glis­san­di, welche sich Cel­lo und Klavier gegen­seit­ig zuw­er­fen. In der Klavier­stimme erhal­ten diese dank der hohen Fin­ger­fer­tigkeit Pan­filovs einen ger­adezu bril­lant-huschen­den Charak­ter und bilden eine willkommene Unter­malung der Cel­lostimme.
Als Bonus­track enthält die CD zudem ein Werk des Schweiz­er Kom­pon­is­ten Thomas Demen­ga (*1954) – eine humoris­tis­che Rezep­tion des Verkehrslärms in New York, wohin es Demen­ga für sein Studi­um gezo­gen hat­te. Gekon­nt gestal­tet Croisé hier auf dem Cel­lo die dis­so­nan­ten Inter­valle, sodass man das Hupen von Autos her­auszuhören meint.
Bernd Wladi­ka