The Radio Recordings 1939–1945

Berliner Philharmoniker, Ltg. Wilhelm Furtwängler; 22 CD/SACD & 184-seitiges Begleitbuch

Rubrik: CD
Verlag/Label: Berliner Philharmoniker Recordings BPHR 180181
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 63

Zu Beginn des Final­satzes von Brahms’ Sin­fonie Nr. 1 wächst der Klang schein­bar aus dem Nichts her­aus und steigert sich dann ein­drück­lich bis zum Forte. Plas­tisch wie auf einem Relief treten die Pizzi­cati der Stre­ich­er und das von den Flöten fort­ge­führte Alphorn­the­ma des Solo­horns her­vor. Als Wil­helm Furtwän­gler am 23. Jan­u­ar 1945 im Admi­ralspalast zum let­zten Mal vor dem Zusam­men­bruch des Nazi-Reichs am Pult sein­er Berlin­er Phil­har­moniker stand, ließ er einen großen Span­nungs­bo­gen entste­hen, dessen Inten­sität auch heutige Hör­er tief berühren kann. Die Phil­har­monie in der Bern­burg­er Straße lag zu der Zeit längst in Schutt und Asche. Ständig heul­ten in der Stadt die Sire­nen, wenige Monate später würde der Krieg zu Ende sein. Nur der Schluss dieses denkwürdi­gen Konz­erts ist noch auf den Orig­inal­ton­bän­dern des Reich­srund­funks erhal­ten, die von der Roten Armee später nach Moskau geschafft wur­den. Erst nach der Wende Anfang der 1990er Jahre kamen die rund 1500 Bän­der nach Deutsch­land zurück.
Auf der Grund­lage dieses auf­se­hen­erre­gen­den Mate­ri­als haben die Berlin­er Phil­har­moniker die erste Gesam­taus­gabe sämtlich­er Rund­funkmitschnitte ihrer Auftritte mit Furtwän­gler zwis­chen 1939 und 1945 erstellt. 21 Konz­erte, bei denen zumeist Werke des soge­nan­nten deutschen Kern­repertoires auf dem Pro­gramm standen, sind in der 22 CD und SACD umfassenden Edi­tion vere­int. Neben Sin­fonien von Beethoven, Brahms, Bruck­n­er und Schu­bert sowie des von Furtwän­gler kom­ponierten Sym­phonis­chen Konz­erts für Klavier und Orch­ester sind beispiel­sweise auch Schu­manns Klavierkonz­ert a-Moll mit Wal­ter Giesing oder das Vio­linkonz­ert von Sibelius mit Georg Kulenkampff zu hören.
Anhand der neuen CD-Edi­tion ist gut nachvol­lziehbar, mit welch­er Emphase Furtwän­gler, ein­er der let­zten Espres­si­vo-Diri­gen­ten in der Tra­di­tion Richard Wag­n­ers, Werke der Roman­tik inter­pretierte. Störg­eräusche wur­den weit­ge­hend her­aus­ge­filtert, die erzielte Klangqual­ität ist erstaunlich. Die restau­ri­erten, dig­i­tal bear­beit­eten und in 24-Bit-Auflö­sung remas­terten Auf­nah­men bieten Ein­blick in eine Zeit, in der Furtwän­gler, der in einem ambiva­len­ten Ver­hält­nis zum NS-Regime stand, seinen kün­st­lerischen Zen­it erre­icht hat­te. Auch nach­dem er wegen eines Eklats 1934 als Chefdiri­gent zurück­ge­treten war, blieb er dem „Reich­sor­ch­ester“ eng ver­bun­den.
Ein umfan­gre­ich­es Begleit­buch doku­men­tiert, unter welchen Umstän­den die von Hitler ange­ord­neten Radiomitschnitte ent­standen. Furtwän­gler hat­te die Auf­nah­men zunächst abgelehnt, weil er offen­bar bezweifelte, dass die Klang­bal­ance und fein­ste dynamis­che Abstu­fun­gen unver­fälscht wiedergegeben wer­den kön­nten. Die Aufze­ich­nung der ersten Liveüber­tra­gung eines sein­er Konz­erte aus der Phil­har­monie im Okto­ber 1938 ist im Gegen­satz zu späteren Bän­dern inzwis­chen ver­loren. Ab der Sai­son 1940/41 wur­den alle Auf­führun­gen in der Rei­he „Zehn Phil­har­monis­che Konz­erte“ im Radio gesendet. Dass Furtwän­gler seine Skep­sis über­wand, lag wohl nicht zulet­zt an Friedrich Schnapp: Mit dem Ton­meis­ter arbeit­ete der Diri­gent nicht nur von 1939 bis Anfang 1945 in Berlin, son­dern auch noch nach dem Krieg bei den Salzburg­er Fest­spie­len zusam­men.

Cori­na Kolbe