Chaya Czernowin

The Quiet

for large orchestra divided into three groups, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 01/2019 , Seite 65

Am Anfang war der Sturm, der Schneesturm, der vor ihrem Fen­ster tobte, durch die Glass­cheibe zu sehen, doch kaum zu hören. Ein wirbel­ndes Chaos in der Stille.“ So in etwa beschreibt die israelis­che Kom­pon­istin Chaya Czer­nowin, die in den USA, Japan, Deutsch­land und Öster­re­ich lebt und lehrt, den Anlass zu ihrem Orch­ester­w­erk The Qui­et, das einen Wen­depunkt in ihrem Œuvre markiert.
Das 2010 für die Münch­n­er Musi­ca Viva und das Sym­phonieorch­ester des Bay­erischen Rund­funks kom­ponierte Orch­ester­w­erk ist der Ein­stieg in ihre „Crescen­do-Tril­o­gy“, die in den darauf­fol­gen­den Jahren mit Zohar Iver (2011) und Esh (2012) ihren Abschluss fand. Und der Neuan­fang ist schon beim ersten Blick in die Par­ti­tur direkt spür­bar. Das Orch­ester ist aufgeteilt in drei Stre­icher­grup­pen – ver­stärkt durch unter­schiedliche Bläserensemb­les (Klarinetten/Posaunen, Oboen/Fagotte/Hörner, Trompe­ten) – hal­bkre­is­för­mig vor dem reich­halti­gen Schlag­w­erkensem­ble aufgestellt. Tra­di­tionelle Spiel­weisen wer­den durch vielfältige Anweisun­gen zum alter­na­tiv­en Kratzen, Atmen und son­stiger Behand­lun­gen der Klangerzeu­gung erset­zt.
Es wird um Vierteltöne erhöht, erniedrigt, und Begriffe wie „drunk­en rhythm“ fall­en mehr als ein­mal. Exak­te Ton­höhen wer­den abgelöst durch Anweisun­gen „pitch low (high) as pos­si­ble“ oder das Spek­trum wird durch Striche in „high/ middle/low grob“ eingeteilt, in der dann der Spiel­er seinen Platz selb­st wählen darf.
Im Gegen­satz zu den aus­führlichen Beschrei­bun­gen der Frei­heit­en in Aus­führung und Ton­höhe über­raschen dann doch die oft wech­sel­nden und ungewöhn­lichen Tak­tangaben: 4/4 + 1/8 gefol­gt von 4/4 + XX sind keine Sel­tenheit. Und hier spürt man den neuen Weg Chaya Czer­nowins: Neben dem Lauschen auf den Klang der Instru­mente, dem Spüren ein­er tat­säch­lichen oder imag­inären Klang­physik (schließlich ist das alter­na­tive Atmen und Pusten in die Blech­blasin­stru­mente, das Kratzen am und hin­ter dem Steg ja nichts anderes als die gesuchte Manip­u­la­tion der Ober­ton­rei­he), treten nun Rhyth­mik und Raum stärk­er in den Fokus. Aus dem leisen, ganz leisen Wirbel der Pauken entwick­elt sich das Schneegestöber, doch bleibt es immer ver­hal­ten. Erst gegen En­de des elfminüti­gen Orch­ester­w­erks verdichtet sich der Klang der drei Grup­pen und steigert sich im Crescen­do, das abrupt abbricht. Bis dahin wan­dern die Klangflock­en durch alle drei Grup­pen (immer vor dem Hin­ter­grund des Schlag­w­erks) und damit durch den Raum. Die Rolle des Raums für den Klang wird jet­zt hör- und nachvol­lziehbar.
The Qui­et ist ein Stück für Spezial­is­ten. Der Effekt der Klan­gen­twick­lung set­zt ein hohes Maß an Präzi­sion und Gespür für die gewollt-unpräzisen Anweisun­gen voraus. Der exakt vorgegebene Rhyth­mus­rah­men ist Träger des Stücks und stellt Diri­gent wie Spiel­er vor nicht geringe Hür­den. Allerd­ings macht manch­es auch noch den Ein­druck des Suchen­den‚ des Auf-dem-Weg-Seins; dem Stück wohnt im wahrsten Sinne des Wortes der Zauber eines neuen Anfangs inne. Diesen her­auszuar­beit­en, ihn erleb­bar wer­den zu lassen, ist die große Her­aus­forderung in The Qui­et.
Markus Roschin­s­ki