Levina, Zara

The Piano Concertos

Maria Lettberg (Klavier), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Ltg. Ariane Matiakh

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 65

Maria Let­tberg hat bere­its den finnis­chen Kom­pon­is­ten Erk­ki Melartin wieder­ent­deckt. Nach ihrer gefeierten Gesamtein­spielung der Werke Alexan­dr Skr­jabins hat sich die in Riga geborene Schwedin gemein­sam mit dem Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin unter der Leitung von Ari­ane Mati­akh mit Zara Lev­ina eine nahezu unbekan­nte rus­sis­che Kom­pon­istin vorgenom­men.
Dreißig Jahre liegen zwis­chen den bei­den Klavierkonz­erten. Das erste wurde 1945 uraufge­führt und verbindet spätro­man­tis­chen Klang mit Vir­tu­osität und exis­ten­ziellen Zus­pitzun­gen. Das zweite, ein Jahr vor ihrem Tod kom­ponierte Klavierkonz­ert (1975) ist schat­ten­hafter und mehr nach innen gekehrt. Ein erschüt­tern­des, auch rät­sel­haftes Spätwerk mit ein­er hohen Emo­tion­al­ität und sarkastis­chen Zügen. Die 1906 in der Ukraine geborene Zara Alexandrow­na Lev­ina war als junge Kom­pon­istin dur­chaus ange­zo­gen von den Pos­tu­lat­en des sozial­is­tis­chen Real­is­mus, der Ein­fach­heit und Volk­snähe forderte. Je älter die auch als Pianistin erfol­gre­iche Musik­erin wurde, desto mehr dis­tanzierte sie sich von der Lin­ie des sow­jetis­chen Kom­pon­is­ten­ver­ban­des.
Das tra­di­tionell gestal­tete erste Klavierkonz­ert ist ganz in einem spätro­man­tis­chen Ton­fall gehal­ten. Der Beginn des ersten Satzes mit dem tiefen Stre­icherunisono auf rauschen­den Klavier­arpeg­gien erin­nert stark an Rach­mani­nows zweites Klavierkonz­ert. Maria Let­tberg behält trotz aller Kraftent­fal­tung eine große Trans­parenz in ihrem Spiel. Ihre sprechende Artiku­la­tion spiegelt sich im sen­si­blen Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin, dem die franzö­sis­che Diri­gentin Ari­ane Mati­akh viele Far­ben ent­lockt.
Geheimnisvoll und ätherisch klingt der gedämpfte Stre­icherk­lang im Andante. Nur sind hier die Holzbläs­er mit dem Klavier nicht immer per­fekt zusam­men. Die feine Motorik des Alle­gro-Finales im Dreier-Takt, die auch uner­bit­tlich wer­den kann, lässt an Sergej Prokof­jew denken. Let­tberg ver­mit­telt zwis­chen den Extremen – jede Gele­gen­heit zur Melodie wird von ihr genutzt.
Das ein­sätzige, zweite Klavierkonz­ert begin­nt ganz gespen­stisch mit einem fal­l­en­den Stre­ichertremo­lo am Steg und einem bedrohlichen Crescen­do, das den Klaviere­in­satz vor­bere­it­et. Ein uner­bit­tlich­er Puls lässt die Akko­rde im Klavier schick­sal­shaft wer­den. Gedämpftes Blech sorgt mit schar­fen Dis­so­nanzen für eine düstere Atmo­sphäre, in die die Pianistin ihre spek­takulären, deut­lich artikulierten Läufe span­nt.
Mati­akh gibt dem eher rhap­sodisch angelegten Satz den notwendi­gen Raum und lässt die Musik atmen. Das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin glänzt mit feinen Stre­ich­er­soli, ein­er aus­geze­ich­neten Bal­ance und faszinieren­den Farb­wech­seln. Auch wenn plöt­zlich die Rep­e­ti­tio­nen im hohen Blech schnei­dend und stu­pide wer­den, find­en die Trompe­ten den richti­gen Aus­druck für diese groteske Zus­pitzung. Maria Let­tberg zeigt sich ein­mal mehr als tief schür­fende Inter­pretin, die das Dis­parate des Satzes zusam­men­hält. Eine lohnende Auf­nahme, die eine unbekan­nte rus­sis­che Kom­pon­istin wieder ins Ram­p­en­licht rückt.
Georg Rudi­ger