Niccolò Paganini

The New Paganini Project

Caprices Vol. 1/Caprices Vol. 2. Niklas Liepe (Violine), Deutsche Radio Philharmonie, Ltg. Gregor Bühl

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 19075823252, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 76

Im Book­let­text ver­sucht Arrangeur Andreas N. Tark­mann die Bear­beitun­gen von Pagani­nis Opus 1 einzuteilen in his­torische Klavier­erweiterun­gen und zeit­genös­sis­che Arrange­ments mit tra­di­tioneller bzw. exper­i­menteller Aus­rich­tung. The New Pagani­ni Project reflek­tiert also in einem großen Bogen Adap­tio­nen der berühmten Solostücke vom vir­tu­osen Zeital­ter bis zur Gegen­wart. Man erlebt Pagani­nis Opus akku­mulierend und verzin­send aus den Per­spek­tiv­en sein­er Bear­beit­er. Durch die Orches­tra­tio­nen dauern die Capric­ci etwa 45 Minuten länger und bleiben trotz­dem erstaunlich kurzweilig.
Der junge Geiger Niklas Liepe erweist mit sein­er ungewöhn­lichen, intel­li­gen­ten und dabei sehr musikalisch gedacht­en Auseinan­der­set­zung Pagani­ni eine bewun­dern­swert authen­tis­che, fast selb­stver­leug­nende Ref­erenz, die sich selb­st­be­wusst nicht am Wet­tbe­werb der Eliten um Präzi­sion und Geschwindigkeit beteili­gen will.
Auf Basis der Orig­i­nal­noten, die nicht verän­dert wer­den durften, und exem­plar­isch­er Klavier­sätze von Robert Schu­mann, Fritz Kreisler, Adolf Busch und Karol Szy­manows­ki fol­gten Zeitgenossen der Auf­forderung Liepes, die Capric­ci in neue melodis­che, har­monis­che, klang­far­bliche Gewän­der zu hüllen. Mitwirk­ende waren unter anderem Andreas N. Tark­mann (sieben Beiträge), Gérard Tamestit, Claus Kühnl, Sid­ney Cor­bett und als einzige Kom­pon­istin im Pro­jekt Andrea Csol­lány.
Das etü­den­hafte Fortschre­it­en und die sta­bilen Ton­fig­uren der einzel­nen Capric­ci erlaubten ganz unter­schiedliche Näherun­gen, zusät­zliche melodis­che Erfind­un­gen und har­monis­che Fortschrei­bun­gen jen­er roman­tis­chen Arrangeure, die den gle­icher­maßen bewun­derten und gescholte­nen Pagani­ni mit mehr qual­i­ta­tiv­er Sub­stanz unter­füt­tern woll­ten. Her­aus­gekom­men ist nicht nur ein bemerkenswert­er Mix von Arrange­ment-Tech­niken, son­dern auch eine Folge ver­schieden­er Gen­res zwis­chen anspruchsvoller Salonat­titüde, mod­ern­er Ver­frem­dung und Auszehrung. Dabei ist der Bonus-Track „Pagani­ni-Jazz“ von Fazıl Say nicht ein­mal der am meis­ten zukun­ft­sori­en­tierte, mutet in dieser Suite sog­ar etwas anachro­nis­tisch an.
Mit großer Film­score-Geste, gläser­nen Klän­gen und rhyth­mis­chen Zusätzen wollen die neuen Arrange­ments Dis­tanz zu den mod­ulieren­den Arabesken der Roman­tik­er. Das Resul­tat wirkt trotz des etwas kon­stru­ierten Plans erfreulich unbe­fan­gen. Gre­gor Bühl holt die Lust an der Meta­mor­phose aus der Deutschen Radio Phil­har­monie Saar­brück­en Kaiser­slautern. Deshalb wer­den Pagani­nis Etü­den hier zu einem Digest der Möglichkeit­en orches­traler Klan­grede heute. Opu­lent und ein biss­chen kühl. Das ist vielle­icht eine Pose, als habe man dezente Bedenken, sich allzu rück­halt­los dem „Gebrauch­skom­pon­is­ten“ Pagani­ni auszuliefern. Unbe­stre­it­bar ist diese Ein­spielung ein Höhep­unkt im aktuellen Trend zum Arrange­ment.
Roland H. Dip­pel