Werke von Antonio Vivaldi und Astor Piazzolla

The Mandolin Seasons

Jacob Reuven (Mandoline), ­Sinfonietta Leipzig, Ltg. Omer Meir Wellber

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Hyperion
erschienen in: das Orchester 11/2022 , Seite 70

Eine inter­es­sante Interpreta­tion: Die Jahreszeit­en von Vival­di auf der Man­do­line – das ist mal etwas ganz Neues und sehr Reizvolles. Diesen Ein­druck gewin­nt man jeden­falls bei der vor­liegen­den Auf­nahme mit Jacob Reuven (Man­do­line) sowie der Sin­foni­et­ta Leipzig unter der ein­fühlsamen Leitung von Omer Meir Well­ber. Die the­ma­tis­chen Verbindun­gen dieses Werks mit seinen vie­len Motiv­en und dynamis­chen Nuan­cen blitzen vor allem bei einzel­nen Num­mern wie „Seesturm“ oder „Die Jagd“ leuchtkräftig her­vor. Die Nähe zu Scar­lat­tis Opernsin­fonien fällt auch hier auf. Und das dreisätzige Form­schema zeigt immer wieder seine klang­far­blichen Reize. Fes­tliche Klang­pracht, facetten­re­iche Al-fres­co-Wirkun­gen, aus­drucksvolle Klang­sprache und for­male Aus­geglichen­heit gehören ein­deutig zu den Vorzü­gen dieser Einspielung.
Und es ist verblüf­fend, wie stark die Assozi­a­tio­nen zu Las cuat­ro esta­ciones porte­nas des argen­tinis­chen Kom­pon­is­ten Astor Piaz­zol­la sind, der als Sohn ital­ienis­ch­er Ein­wan­der­er mit drei Jahren nach New York zog. Als junger Ban­do­neon­spiel­er lernte er die Musik Johann Sebas­t­ian Bachs ken­nen, die ihn nicht nur in kon­tra­punk­tis­ch­er Hin­sicht bee­in­flusste. Auch seine bei­den bedeu­ten­den Lehrer:innen Nadia Boulanger und Alber­to Ginastera haben Piaz­zol­la maßge­blich geprägt. Fugen­satz, Chro­matik, Dis­so­nanz, Jazz und Volksmusik tre­f­fen dabei aufeinan­der und schaf­fen kun­stvolle Verbindungslin­ien zur Musik Vivald­is, der als „rot­er Priester“ sein Werk Die Jahreszeit­en als  Konz­ert­samm­lung schuf. Im Gegen­satz hierzu ent­standen die Teile von Astor Piaz­zol­las Las cua­tro esta­ciones porte­nas unab­hängig voneinan­der. Sie berühren sich mit Vivald­is Jahreszeit­en immer wieder auf geheimnisvolle Weise. „Früh­ling“ und „Herb­st“ zeigen auch hier eine idyl­lis­che Natur, eher real­is­tisch wird dann der „Som­mer“ gestal­tet: „Ver­a­no porteno ‚Sum­mer in Buenos Aires‘“. Der knis­ternde Rhyth­mus des Tan­gos als Grund­lage für Fan­tasien und Fugen fes­selt  bei dieser akustisch trans­par­enten Ein­spielung, wobei Omer Meir Well­ber ab und zu das Akko­rdeon spielt.
Es ist dieser beson­dere südamerikanis­che Klang­far­ben­re­ich­tum, der den Reiz der Ein­spielung aus­macht. Schroffe Weisen machen bei Piaz­zol­la immer wieder einem lyrisch-sehn­süchti­gen zweit­en The­ma Platz.
Omer Meir Well­ber leit­et das Orch­ester vom Cem­ba­lo oder Akko­rdeon aus und ebnet damit dem Man­dolin­vir­tu­osen Jacob Reuven facetten­re­ich und ein­fühlsam den Weg. So span­nt sich ein riesiger, dynamisch aus­ge­sprochen reizvoller Klang­bo­gen über diese Ein­spielung, die Vival­di gle­ich­sam in neuem Licht zeigt. Nur manch­mal ver­misst man noch den sat­ten Klang der reinen Streicherbesetzung.
Alexan­der Walther