Werke von Gershwin, Huppertz, Burleigh und anderen

The Golden Violin

Music of the 20s, Daniel Röhn (Violine), Mario Stefano Pietrodarchi (Bandoneon), Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Ltg. Case Scaglione

Rubrik: CD
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 68

Baby­lon Berlin“, die opu­lent aus­ges­tat­tete Serie um Sex and Crime im Berlin der Zwanziger Jahre, erhält eine dritte Staffel. Was das mit der vor­liegen­den CD zu tun hat? Bei­de zehren vom grassieren­den Retrokult. Das Titel­blatt des Book­lets greift ein Art-Deco-Motiv auf, das damals den Ein­gang eines Amüsier­palastes am Alexan­der­platz hätte zieren kön­nen. Der Titel schließlich wirft ganz unver­hohlen bewun­dernde Blicke zurück: „The Gold­en Vio­lin. Music of the 20s“.
Ins­ge­samt 15 Takes ver­sam­melt die Scheibe, vieles davon unter­schätzte Zugaben­musik, find­et der Geiger Daniel Röhn, der die Piè­cen zusam­men mit dem Würt­tem­ber­gis­chen Kam­merorch­ester Heil­bronn unter Leitung von Case Scaglione einge­spielt hat. Röhn tauft sie „Drei-Minuten-Juwe­len“, die sofort das „Herz des Zuhör­ers berühren“. Dazu zählen leg­endäre Ohrwürmer wie The Ter­ry Theme oder The Flower Shop (aus den Fil­men Lime­light und City Lights), mit denen Char­lie Chap­lin als Melo­di­enerfind­er unsterblich gewor­den ist.
The Land of Might-Have-Been, eine warmherzige Einge­bung des britis­chen Enter­tain­ers und Musical­komponisten Ivor Nov­el­lo, ist hinge­gen nur Eingewei­ht­en ein Begriff. Oder auch das irische Lied Gwee­dore Brae. Zu diesen ein­schme­ichel­nden Melo­di­en passt Josef Suks Chant d’amour, ger­ade weil dieses Stück – ent­standen Ende des 19. Jahrhun­derts – zeigt, wie viel spätro­man­tis­ches Erbe in der späteren Musik steckt.
Daniel Röhn spielt all das mit ele­gan­tem, sinnlichem Ton und wohldosiert­er Sen­ti­men­tal­ität. Vieles davon hat auch der leg­endäre Geiger Jascha Heifetz gerne als Zugaben ins Pro­gramm genom­men – und der „Jahrhun­dert­geiger“ ist auch so etwas wie das Zen­tralge­stirn, um das die CD kreist. Heifetz-Encores bilden einen beträchtlichen Teil der Track­liste, darunter die Gersh­win-Hits It ain’t nec­es­sar­i­ly so und Tem­po di Blues, hier in Bear­beitun­gen für Orch­ester aus der Fed­er des amerikanis­chen Arrangeurs Stephen Buck, die dieser eigens für diese CD geschrieben hat. Es sind süf­fige, am Broad­way-Sound geschulte Neu­fas­sun­gen.
Eine Rar­ität dage­gen stellen die Auszüge dar, die Heifetz aus Gersh­wins An Amer­i­can in Paris tran­skri­bierte und die erst vor eini­gen Jahren pub­liziert wur­den, hier wiederum in ein­er Ver­sion von Stephen Buck zu hören. Gle­ich­es gilt für Got­tfried Hup­pertz‘ sug­ges­tive Film­musik zum Sci­ence-Fic­tion-Klas­sik­er Metrop­o­lis, von Buck zu ein­er Suite von acht Minuten verdichtet. Sein vir­tu­os­es Händ­chen zeigt Röhn unter anderem in Cecil Burleighs Moto per­petuo.
Kurz: eine CD, die sich gut mit einem Glas Rotwein hören lässt und Lust auf eine Zeitreise in die Twen­ties macht. Ärg­er­lich nur, wie sich Röhn im Book­let etwas zu auf­dringlich als legit­imer Nach­fol­ger der „alten Meis­ter“ insze­niert – oder insze­nieren lässt. Öde scheint ihm die Gegen­wart, gold­en aber die alten Zeit­en: „Ich wurde 100 Jahre zu spät geboren.“
Math­ias Nofze