Karl Aage Rasmussen/ Ottorino Respighi

The Four Seasons after Vivaldi/Follia, follia…/ Gliuccelli

Concerto Copenhagen, Ltg. Magnus Fryklund/Lars Ulrik Mortensen

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dacapo
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 72

Was für ein wun­der­bares Para­dox! Seit 2016 leis­tet sich Con­cer­to Copen­hagen einen leben­den Kün­stler, der fast so etwas wie ein Com­pos­er in Res­i­dence für das Alte-Musik-Ensem­ble wurde. Der Däne Karl Aage Ras­mussen (geb. 1947) lieferte zum Beispiel für Stuttgart eine vol­len­dete Ver­sion von Franz Schu­berts Oper Sakon­ta­la (2006) und orchestri­erte dessen Bal­lade Der Tauch­er für den Bari­ton Bo Skovhus. Ras­mussen betra­chtet kom­pos­i­torische Rekon­struk­tion, stilis­tis­che Imi­tate und eigen­schöpferisches Arbeit­en nicht als gen­uine, son­dern als sich ergänzende Prak­tiken des Kom­ponierens. In diesen Wel­ter­stein­spielun­gen sind die drei Prinzip­i­en vere­int.
Am Ende ste­ht Ottori­no Respighis Die Vögel in Ras­mussens Bear­beitung, der mit Frei­heit­en der koloris­tis­chen Aus­gestal­tung nicht spart. Die Solostre­ich­er von Con­cer­to Copen­hagen ver­suchen mit zir­pen­den und beina­he kratzen­den Bogen­strichen eher die Tonge­bung natür­lich­er Vogel­stim­men nachzuah­men als die oszil­lierende Klangsyn­these des Spät­barock in ein­er Spiegelung aus dem Jahr 1928. Fol­lia, fol­lia… ist Ras­mussens erste Kom­po­si­tion für Con­cer­to Copen­hagen und zeigt in nur sieben Minuten enorm viel von dessen kreativ­en Visio­nen. Seine Reflex­ion über den aus Por­tu­gal stam­menden und als Vari­a­tio­nen­rei­he über ein­er sta­bilen Basslin­ie in der ital­ienis­chen Barock­musik ver­bre­it­eten Tanz begin­nt mit dem schnellen Taumel durch kantige und sog­ar bis­sige Stre­icher­fig­uren. Diese mün­den in sinnlich wohliger Erschlaf­fung und zeigen damit die ent­ge­genge­set­zte Kon­trastspanne, wie der andere
ital­ienis­che „Wahnsinnstanz“, die Taran­tel­la. Also wirkt Ras­mussens Fol­lia wie die zeit­gemäße Aneig­nung eines orig­i­nalen alten Werks.
Dage­gen sind seine The Four Sea­sons After Vival­di eher eine Über­malung und Über­schrei­bung als freie Neuein­rich­tung. Die ungewöhn­liche Verän­derung der Pro­por­tio­nen zwis­chen den Einzel­stim­men und eine stärkere Akzen­tu­ierung der Basslin­ien bewirken die verän­derte Wahrnehmung der Tonge­bilde mit einem ähn­lichen Effekt, als wären die Stim­men von Beethovens Klavier-Album­blatt Für Elise auf Tuba und Vio­la verteilt. Dabei hält sich Ras­mussen fast immer äußerst respek­tvoll zu Vivald­is rhyth­mis­chen Fig­uren. Mehr als ein­mal erwachen Erin­nerun­gen
an den um dreizehn Jahre älteren Jacques Loussier und dessen Zyk­lus Play Bach. Aber Ras­mussen scheute offen­bar die Trans­for­ma­tion Vivald­is in jün­gere Rhyth­men.
Die musikalis­che Leitung teilen sich Mag­nus Fryk­lund und Lars
Ulrik Mortensen. Bei dieser Luxus-Ver­sorgung mit koor­dinieren­der Aufmerk­samkeit vern­immt man nur anhand der Präzi­sion und der Lust der Musik­er an Klang­far­ben-Mix­turen und Fein­schliff, dass es sich um ein Spezial­is­te­nensem­ble han­delt. Wer sich mit eini­gen der in den ver­gan­genen vierzig Jahren ent­stande­nen Ein­spielun­gen von I musi­ci bis Gio­van­ni Carmigno­la genauer beschäftigt hat, wird jenen vor Ras­mussens Hybrid-Opus den Vorzug geben.
Roland Dip­pel