Dmitri Schostakowitsch

The Fifteen Symphonies

Dresdner Philharmonie, Ltg. Michael Sanderling

Rubrik: CD
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 69

Mit der Sai­son 2018/19 endete Michael Sander­lings Tätigkeit als Chefdiri­gent der Dres­d­ner Phil­har­monie. Als Ver­mächt­nis der ins­ge­samt acht Jahre, die Sander­ling diesem Orch­ester vor­stand, ist nun eine Box mit allen fün­fzehn Sin­fonien Dmitri Schostakow­itschs erschienen. Einige der Werke, näm­lich die Sin­fonien 1, 5, 6 10 und 13, waren bere­its vorher greif­bar, und zwar in Kop­plun­gen mit Sin­fonien Lud­wig van Beethovens. Die Kom­bi­na­tion ergibt Sinn, denn nach Sander­lings Worten war Beethoven der erste Kom­pon­ist, der „die „Sin­fonie als Medi­um genutzt hat, um gesellschaftlich rel­e­vante Prob­leme aufzuzeigen, zu entwick­eln und zu lösen“, Schostakow­itsch hinge­gen der let­zte Sin­foniker dieser Art. Man kön­nte es auch so for­mulieren, dass bei­de in ihren Sin­fonien „Volk­sre­den an die Men­schheit“ ver­fassten.
Nun kommt es aber dem Diri­gen­ten ohren­schein­lich weniger darauf an, die emo­tionale Aus­sage der Par­ti­turen bis zum Extrem auszureizen, son­dern vielmehr ihre kom­pos­i­torische Struk­tur sowie das motivis­che Geflecht zu verdeut­lichen. Trans­parenz ste­ht im Vorder­grund, auch im Ein­satz der orches­tralen Far­ben. Der weit­ge­hende Verzicht auf klan­gliche Opu­lenz zeit­igt auch größ­ten­teils pos­i­tive Ergeb­nisse; das Orch­ester klingt schlank und ath­letisch, die Artiku­la­tion über weite Streck­en punk­t­ge­nau, die Akzentset­zun­gen messer­scharf. Auch wenn Sander­ling oft recht gemessene Tem­pi wählt, bedeutet dies zumeist kein Glat­tbügeln der zahlre­ichen Eck­en und Kan­ten. In der iro­nis­chen Neunte etwa ist ungeachtet der ver­gle­ich­sweise gemäch­lichen Gan­gart alles gesagt. Her­vor­ra­gend gelun­gen sind auch die ersten drei Sin­fonien; die Freude am musikalis­chen Muskel­spiel, die den jun­gen Schostakow­itsch bei der Kom­po­si­tion dieser Werke beseelt hat, teilt sich unmit­tel­bar mit – sog­ar die Schluss­chöre der Zweit­en und Drit­ten wirken endlich ein­mal nicht hohl und aufge­set­zt (und die Texte muss man ja nicht unbe­d­ingt beim Hören mitver­fol­gen).
Wenn es etwas zu kri­tisieren gäbe, dann höch­stens, dass es Sander­ling nicht immer gelingt, ins­beson­dere die langsamen Sätze auch mit Span­nung zu erfüllen. Im Kopf­satz der Zehn­ten etwa mag die Musik ein­fach nicht so recht in Fahrt kom­men – was ihr übri­gens auch in den fol­gen­den drei Sätzen nicht gelingt. Etwas schw­er­fäl­lig klingt auch die Dreizehnte, und das rät­sel­hafte Finale der Fün­fzehn­ten zieht sich über fast zwanzig Minuten hin, ohne dass hier eine ähn­liche dra­matur­gis­che Ziel­stre­bigkeit erre­icht würde wie in den bei­den Auf­nah­men von Kurt Sander­ling, dem Vater des Diri­gen­ten.
Let­ztlich jedoch über­wiegt die kom­pro­miss­lose Ern­sthaftigkeit, mit der Michael Sander­ling den Par­ti­turen auf den Grund geht, gegenüber den gele­gentlichen Schwächen dieses Zyk­lus. Hinzu kommt eine sehr ansprechende Klangqual­ität, die über die vier Jahre, in denen der Zyk­lus aufgenom­men wurde (2015 bis 2019), keine größeren Schwankun­gen zeigt, und eine vor­bildliche Klangkul­tur des in allen Stim­m­grup­pen überzeu­gen­den Orch­esters.
Thomas Schulz