Edward Elgar

The Dream of Gerontius op. 38, Urtext, Partitur

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Carus-Verlag
erschienen in: das Orchester 12/2022 , Seite 62

Es war im Feb­ru­ar 2020. Just an dem Tag, als Bar­bara Mohn, Lek­torin beim Carus-Ver­lag, nach Birm­ing­ham fuhr, um das Auto­graf von Edward Elgars The Dream of Geron­tius anzuse­hen, traf sie den Fotografen der British Library, der soeben die Fotoar­beit­en für die Dig­i­tal­isierung des Werks abschloss. Elgar hat­te die Par­ti­tur dem Birm­ing­ham Ora­to­ry über­lassen, wo der Autor des geistlichen Poems, das dem Werk zugrunde liegt, Car­di­nal John Hen­ry New­man, begraben ist. Sie reg­istri­erte die wichtig­sten Kennze­ichen der über­aus sorgfälti­gen, sauberen Hand­schrift und fuhr zurück nach Süd­deutsch­land — in den Lock­down. Die fol­gen­den zwei Jahre wid­mete die Lek­torin einem Vorhaben, für das endlich die Zeit reif war: der kri­tis­chen Neuaus­gabe von Elgars The Dream of Geron­tius opus 38, aus dem Jahr 1900. Par­ti­tur und Klavier­auszug sind bere­its gedruckt, auch als Down­load erhältlich; die Stim­men wer­den im August 2022 vorliegen.
Im umfassenden, span­nend zu lesenden Vor­wort zur Urtext-Aus­gabe berichtet Bar­bara Mohn von der wech­selvollen Entste­hungs­geschichte des Werks. Der Kom­pon­ist bekam unschätzbare Unter­stützung von sein­er tatkräftig mitar­bei­t­en­den Frau Alice und seinem Fre­und August Jaeger, der seine Werke beim Lon­don­er Ver­lag Nov­el­lo betreute. Von Rückschlä­gen ließ sich Elgar leicht ent­muti­gen. Darauf deutet auch eine Bemerkung des Diri­gen­ten der Urauf­führung, Hans Richter, auf der auto­grafen Par­ti­tur hin: „Let drop the Cho­rus, let drop every­body — but let not drop the wings of your orig­i­nal Genius!“ Zu Deutsch etwa: Lass nie deine Flügel hängen!
Die teils ungenü­gende Urauf­führung beim inter­na­tion­al renom­mierten Musik­fest in Birm­ing­ham am 3. Okto­ber 1900 hörte der deutsche Diri­gent Julius Buths und set­zte sich in der Folge vehe­ment für Geron­tius ein, erstellte auch eine deutsche singbare Fas­sung. Buths leit­ete das Werk in den bei­den Fol­ge­jahren in Düs­sel­dorf, auch Richard Strauss gab seinen Segen. Von hier aus wurde es im Vere­inigten Kön­i­gre­ich zu einem Stan­dard­w­erk großer Oratorienchöre.
Eine Umfrage hat ergeben, dass zunehmend auch Chor­lei­t­erin­nen und ‑leit­er hierzu­lande ihren Fokus auf Elgars Geron­tius leg­en, berichtet Bar­bara Mohn. Das Sujet erfordert geistige Offen­heit, denn in der Hand­lung des „Traums“ wird erzählt, wie ein Mann sein Ster­ben und danach seinen Weg ins Jen­seits, hin zu Gott, erlebt. Welche Fra­gen er hat, wie er von einem Engel getra­gen wird, wie sich die Pforten des Gerichts öff­nen, wie er einen schreck­lichen Chor von Dämo­nen hört, wie er dem weisen „Angel of the agony“ (Engel der Todesnot) begeg­net. Kein klas­sis­ches Ora­to­ri­um also, son­dern ein durchkom­poniertes Opus mit her­aus­fordern­den Chor- und Solopar­tien sowie einem anspruchsvollen Orch­ester­part; Auf­führungs­dauer ca. 100 Minuten. All das lässt sich nun studieren in der neuen, wun­der­bar les­baren Aus­gabe bei Carus, ergänzt um das Libret­to und einen sorgfältigst doku­men­tieren­den kri­tis­chen Bericht. „This is the best of me“, notierte ­Elgar nach dem Schlussstrich.
H. D. Immentun