Joseph Bodin de Boismortier

The Court and the Village. Chamber Music

Cappella Musicale Enrico Stuart, Ltg. Romeo Ciuffa

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brilliant Classics
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 66

Eigentlich war er Steuere­in­treiber und pro­duzierte Kom­po­si­tio­nen am Fließband, um damit Geld zu ver­di­enen: Joseph Bod­in de Bois­morti­er, geboren 1689 im lothringis­chen Thionville, Unruhegeist mit etlichen Wirkungsstät­ten in Frankre­ich, 1755 bei Paris gestor­ben.
Diesem Kom­pon­is­ten und seinem ungewöhn­lichen Stil wid­met der Ital­iener Romeo Ciuf­fa eine CD mit Werken in sehr ver­schiede­nen Beset­zun­gen: von Cem­ba­lo solo und zwei Flöten solo, von Flöte plus Vio­line solo über eine Gam­ben­sonate bis hin zur kam­mer­musikalis­chen Größe mit Flöten und Stre­ich­ern. Somit wird ein Ein­blick in die Welt eines Kom­pon­is­ten gewährt, der nahezu die gle­ichen Lebens­dat­en aufweist wie Johann Sebas­t­ian Bach.
Anders als dieser jedoch, der in den 1740er Jahren wie zum Trotz die kon­tra­punk­tis­chen Meis­terzyklen Das musikalis­che Opfer und Die Kun­st der Fuge der Nach­welt schenk­te, scheint Bois­morti­er sich mit dem neuen Zeit­geist beschäftigt zu haben, denn oft genug kommt seine Musik galant und ein­fach daher, ohne den alt­barock­en Ges­tus ganz abstreifen zu kön­nen. Bois­morti­er schreibt dabei eher gefäl­lig, aber er kann sich nicht so recht entschei­den. Im Jahr 1780 gießt dies Jean-Ben­jamin de la Bor­de in den Satz: „Glück­lich ist Bois­morti­er, aus dessen Fed­er jeden Monat ohne Anstren­gun­gen eine Air nach Belieben fließt.“
So ganz Unrecht wird der Chro­nist nicht gehabt haben, denn mehr als ein­mal fehlt der Musik Bois­mortiers der Tief­gang, die unver­wech­sel­bare Hand­schrift, der „Pfiff“.
Romeo Ciuf­fa, Block­flötist und Leit­er der Cap­pel­la Musi­cale Enri­co Stu­art, lässt sich von diesem kleinen Dilem­ma nicht beir­ren und musiziert frisch und munter drauf los. Dabei kann er sich in allen Par­tien auf kon­ge­niale Mit­stre­it­er ver­lassen. Gele­gentlich ver­misst man das Feuer und die Angriff­s­lust, etwa wenn zwei Flöten solo miteinan­der wet­teifern. Aber mehr gibt die Noten­fak­tur wohl nicht her.
Die Auf­nah­me­tech­nik der CD ist dabei wohltuend direkt und auf einen eher kleinen Raum gerichtet. So direkt, dass man gele­gentlich das Einat­men der Flötis­ten hören kann: welch wun­der­bare Erin­nerung, dass hier Men­schen am Werk sind. Der Reper­toirew­ert dage­gen ist eher als „begren­zt“ einzustufen. Ein­mal hört man ein Lamen­to mit struk­turellen Chro­ma­tis­men – Musik, die an alti­tal­ienis­che Meis­ter wie Fres­cobal­di erin­nert. Als Schluss­werk ertönt dann eine hörenswerte Bal­lettmusik im eher galanten Stil.
Das Mot­to der CD, „The Court and the Vil­lage“, hebt wohl auf ländliche Szenen ab, die sich vor allem in zwei Cem­balostück­en mit pro­gram­ma­tis­chen Titeln wie Der Floh und Die Bäurische wider­spiegeln. Das recht schmal gehal­tene Book­let ist lediglich in englis­ch­er Sprache ver­fasst.
Die CD ist es den­noch wert, beachtet zu wer­den, zeigt sie doch, wie unter­schiedlich die in den 1680er Jahren gebore­nen Ton­set­zer die Stil­wende von 1730 an ver­ar­beit­et haben. Und die Musizier­lust der jun­gen Musik­er um Romeo Ciuf­fa schleift dabei gele­gentliche kom­pos­i­torische Uneben­heit­en Bois­mortiers zu eher funkel­nden Steinen.
Thomas Krämer