Henri Marteau

The Complete Works for String Quartet I

Quartet No. 2 op. 9/Huit Mélodies op. 19. Karine Deshayes (Mezzosopran), Isasi Quartet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 555 128-2
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 74

Eine vor­getäuschte Krankmel­dung stand am Beginn der Kar­riere des Geigers Hen­ri Marteau. Sein Lehrer Hubert Léonard sagte 1884 ein Konz­ert in Reims wegen ange­blich­er Unpässlichkeit absichtlich ab – nur um seinen zehn­jähri­gen Schüler als Ersatz zu empfehlen. Der Sprung ins kalte Wass­er brachte den erhofften Erfolg. Marteau kon­nte sich vor 2000 Zuhör­ern in Vieux­temps’ 5. Vio­linkonz­ert als vielver­sprechen­des Jung­tal­ent pro­fil­ieren. Für ihn begann eine Glanzzeit als Vir­tu­ose, später auch als Päd­a­goge. Er eroberte die inter­na­tionalen Konz­ert­po­di­en und wurde, erst 26-jährig, Pro­fes­sor für Vio­line in Genf, dann ab 1908 in Berlin. In Deutsch­land fand er seine zweite Heimat – was zugle­ich sein Ver­häng­nis wurde. Mit Aus­bruch des Ersten Weltkriegs galt er in Deutsch­land als Spi­on, in Frankre­ich als Lan­desver­räter. Marteau wich nach Schwe­den aus, kehrte später nach Deutsch­land zurück und lehrte bis zu seinem Tod im Jahr 1934 in Leipzig, Prag und Dres­den. Daneben fand er noch Zeit zum Kom­ponieren: Es existieren 45 mit Opuszahlen verse­hene Werke, über­wiegend Lieder und Kam­mer­musik.
In das Stre­ichquar­tettschaf­fen von Marteau hat sich jet­zt das Isasi Quar­tet ver­tieft, benan­nt nach Andrés Isasi, einem spanis­chen Kom­pon­is­ten der Spätro­man­tik. Dessen Stre­ichquar­tette haben die Vier bere­its auf CD einge­spielt – nun sind die drei Quar­tette Marteaus an der Rei­he, eine weit­ere Pio­nier­tat. Die erste CD der Rei­he, eine Kopro­duk­tion zwis­chen dem Label cpo und dem Bayrischen Rund­funk, enthält das zweite Quar­tett in D-Dur mit der Opuszahl 9, das 1905 ent­stand. Nur ein Jahr zuvor hat­te Marteau seinen Stre­ichquar­tett-Erstling in Des-Dur op. 5 kom­poniert. Das dritte Quar­tett in C-Dur op. 17 schließlich ent­stand 1916.
Das zweite Quar­tett gehöre mit dem Cel­lokonz­ert op. 7, der Cha­conne für Vio­la und Klavier, dem Stre­ichtrio op. 12 und anderen zu einem „ersten Schaf­fenskern“ im Marteau’schen Œuvre, schreibt Jür­gen Schaar­wächter vom Max-Reger-Insti­tut in Karl­sruhe in seinem lesenswerten Book­let­beitrag. Die Nähe zu Max Reger, mit dem Marteau eine inten­sive Fre­und­schaft ver­band, sei beson­ders im Quar­tett in D-Dur „mit den Hän­den zu greifen“. Die kon­tra­punk­tis­che Dichte und das reiche varia­tive Leben, das die Motive im Kopf­satz ent­fal­ten, sind auf­fäl­lig. Marteau erzielt hier eine unge­mein expres­sive Musik, in der the­ma­tis­ches Mate­r­i­al und fig­u­ra­tives „Flechtwerk“, ähn­lich wie in manchen Jugend­stil­mo­tiv­en, gle­ich­w­er­tig sind. Die glutvolle Inter­pre­ta­tion des Isasi Quar­tet bringt diese Qual­itäten aufs Schön­ste zur Gel­tung.
Gle­ich­es gilt für die Sopranistin Karine Deshayes, die den Huit Mélodies für Mez­zoso­pran und Stre­ichquar­tett op. 19 (nach Gedicht­en von Sul­ly Prod­homme und François Cop­pée) mit berück­en­dem lyrischen Schmelz, aber auch pack­ender Dra­matik zu ein­dringlich­er Wirkung ver­hil­ft.
Das Aus­drucksspek­trum des Stre­ichquar­tettsatzes reicht von schlichtem Pizzi­ca­totep­pich bis zu orches­tralen Tex­turen. Schaar­wächter sieht hier „die Sum­ma­tion“ von Marteaus Schaf­fen. Dessen Musik, das macht diese CD deut­lich, ver­di­ent größere Beach­tung in den Konz­ert­pro­gram­men.
Math­ias Nofze