Gustav Mahler

The Complete Symphonies

Stuttgarter Philharmoniker, ­Dortmunder Philharmoniker, Ltg. Gabriel Feltz

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Dreyer Gaido
erschienen in: das Orchester 12/2022 , Seite 66

Für Gabriel Feltz war es das Pro­jekt eines ganzen Jahrzehnts, das erst durch diese Zusam­men­stel­lung in sein­er Gesam­tan­lage erleb­bar wird: alle Sin­fonien Gus­tav Mahlers, aufgenom­men zwis­chen 2008 und 2019 vor allem mit den Stuttgarter Phil­har­monikern, die Feltz von 2004 bis 2013 als GMD leit­ete; außer­dem die Sin­fonien 8 und 9 mit den Dort­munder Phil­har­monikern, deren Chefdiri­gent er seit 2013 ist. Alle Mahler-Sin­fonien auf CD: Wer braucht das angesichts zahllos­er Konkur­ren­zein­spielun­gen, kön­nte man ket­zerisch fragen.
Oder umgekehrt: Was braucht es, um aus­gerech­net mit Mahler auf dem gesät­tigten Klas­sik-Markt zu beste­hen? Drei Dinge vor allem: klare musikalis­che Vorstel­lun­gen, exzel­lente Orch­ester und dazu eini­gen Mut. Die Auf­nah­men der Mahler-Sin­fonien sind nun alle­samt in Konz­erten ent­standen, in ihrer Anmu­tung also höchst authen­tisch, freilich mit der Hypothek möglich­er spiel­tech­nis­ch­er Schwächen belastet. Die Stuttgarter Phil­har­moniker sind über diese Zweifel erhaben und präsen­tieren sich als ner­ven­starkes, in allen Reg­is­tern aus­ge­wo­genes Orch­ester, das die Ideen von Feltz mustergültig umset­zt. Die Welt in ihrer ganzen Schön­heit und Hässlichkeit, mit jähen Kon­trasten, Momenten des Glücks und der Trauer, der Hoff­nung und der Zer­störung abzu­bilden war das Anliegen Mahlers, der zugle­ich die Ver­gan­gen­heit beschwor, die Gegen­wart feierte und die Zukun­ft auf­scheinen ließ. Für Gabriel Feltz sind die Sin­fonien weniger Werke der Avant­garde und des Zer­falls als vielmehr gewaltige, sinnliche Klanggemälde, deren Fein­heit­en und klan­glichen Extremen er tiefer nach­spürt als die meis­ten anderen Diri­gen­ten. Basis dieser Herange­hensweise sind Präzi­sion und Kon­trolle, die emo­tionalen Furor ein­hegen. Sel­ten sind Aus­brüche über die Kon­troll­gren­ze hin­aus zu hören, wie im let­zten Satz der zweit­en ­Sin­fonie. Betont bedächtige Tem­pi sind nicht sel­ten. Bei Feltz rückt Mahler mit fein abgestuftem ­Mis­chk­lang näher an Wag­n­er und Richard Strauss her­an. Her­rlich schwin­gen viele der langsamen Sätze.
Den­noch, und das ist eigentlich auch ganz natür­lich, erre­ichen nicht alle Ein­spielun­gen das gle­iche hohe Niveau. Großar­tig gelin­gen, auch hin­sichtlich der Auf­nah­me­tech­nik, die Sin­fonien 1 bis 3, 5 bis 7 und 10, während die vierte zu selb­stver­liebt rokoko­haft daherkommt. Die Dort­munder Phil­har­moniker überzeu­gen in ihren Auf­nah­men der acht­en und neun­ten Sin­fonie weniger – hier sind die tech­nis­chen Ein­bußen der Live-Auf­nahme deut­lich stärker.
Infor­ma­tiv ist das Book­let, in dem Texte von unter­schiedlich­er Fak­tur zu jed­er Sin­fonie nachzule­sen sind; in ihnen nimmt Gabriel Feltz auch per­sön­lich Stel­lung. Eher ungewöhn­lich: eine Gesamtrezen­sion des Zyk­lus’ von Volk­er Hage­dorn, natür­lich ohne Kri­tik, dafür mit der falschen Zuord­nung des Orch­esters (Stuttgart wäre richtig) bei der zehn­ten Sinfonie.
Johannes Killyen