Felix Mendelssohn Bartholdy

The Complete String Symphonies

Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Henry Raudales

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 12/2021 , Seite 74

Im Jahr 1822 waren im Haus der Mendelssohns in Berlin von Abra­ham und Lea Mendelssohn die leg­endären Son­ntagsmusiken ins Leben gerufen wor­den. Nach den ersten Jahren hat­te man 1825 in der Leipziger Straße eine hier­für noch geeignetere Immo­bilie mit einem Garten gefun­den, in dem sich ein mehrere hun­dert Per­so­n­en fassender Saal befand. Anfangs dachte man vornehm­lich daran, dem begabten Felix ein Forum für seine musikalis­chen Stu­di­en bieten zu kön­nen. Seit 1819 bekam er von Carl Friedrich Zel­ter Unter­richt in Har­monielehre und Kon­tra­punkt und begann bere­its 1821 im Alter von zwölf Jahren mit der Kom­po­si­tion sein­er ersten sechs Streichersymphonien.
Diese zwölf Jugendw­erke, die sich in ihrer Stilis­tik anfangs noch ein wenig an die Kom­po­si­tion­stech­nik Carl Philipp Emanuel Bachs anzulehnen scheinen – was nicht wun­der nimmt, schätzte Zel­ter doch den Bach-Sohn ganz beson­ders und auch sein Unter­richt basierte auf ihm –, hat das Münch­n­er Rund­funko­rch­ester unter der Leitung von Hen­ry Rau­dales nun in ein­er sehr ansprechen­den Ein­spielung neu vorgelegt.
Mit größtem Elan und energiege­laden lässt Rau­dales das Orch­ester durch die jugendlich unbeküm­mert vor­wärt­streiben­den Eck­sätze der Sym­phonien jagen, geht jedoch trotz des sehr hohen Tem­pos sehr dif­feren­ziert in der sub­tilen Abstu­fung der dynamis­chen Gewich­tung und in der Auf­fächerung der Stimm­führung vor. Fed­ernd und ele­gant, lebendig aus­ge­hört in der Zeich­nung der Phrasen, bekommt man etwa den Kopf­satz von Mendelssohns Sym­phonie Nr. 1 C‑Dur zu hören.
Die Freude des Kom­pon­is­ten an Kon­trasten und Über­raschun­gen, etwa in der 6. Sym­phonie, lässt Rau­dales von seinem leicht und schlank spie­len­den Orch­ester mit größter Beweglichkeit her­ausar­beit­en. In den langsamen Mit­tel­sätzen, etwa dem der Sym­phonie Nr. 2, ver­mag Rau­dales eine sen­si­bel aus­gelotete Aus­druckssphäre zu evozieren, und er weiß – wie beim Mit­tel­satz der 3. Sym­phonie – voller Feinsinn dessen tänz­erisch bewegter Form nachzuspüren.
In der 8. Sym­phonie klingt ein neuer musikalis­ch­er Geist an: der der Klas­sik. Im präzise durchgeze­ich­neten Kopf­satz hört man zweifel­sohne den Ein­fluss Mozarts. Auf der anderen Seite kommt mit den Fortschrit­ten Mendelssohns auch mehr Indi­vid­u­al­ität und Per­sön­lichkeit ins Spiel. Dazu zählt das überzeu­gend dargestellte, stark motivisch-the­ma­tisch gear­beit­ete Ada­gio dieser Symphonie.
Die Sym­phonie Nr. 11 lässt das For­mat der Stilkopie weit hin­ter sich und klingt schon ganz nach Mendelssohn. Beein­druck­end präzise nehmen sich Rau­dales und das Münch­n­er Rund­funko­rch­ester des lebendig aus­ge­hörten Kopf­satzes wie auch des Alternierens von Soli und Tut­ti im nach­fol­gen­den Scher­zo an. Die 12. Sym­phonie erfährt durch die Inter­pre­ten im arios gehal­te­nen Andante eine über­aus stim­mige Aura und im Final­satz eine grif­fige Modellierung.
Beigegeben ist dieser Ein­spielung noch das frühe Vio­linkonz­ert d‑Moll, vom Diri­gen­ten an der Geige solis­tisch kon­ge­nial und tem­pera­mentvoll dargestellt.