Werke von Strauss, Bartók, Brahms und anderen

The Asia Tour

Yuja Wang/Seong-Jin Cho (Klavier), Berliner Philharmoniker, Ltg. Simon Rattle, 5 CDs und 1 Video Blu-ray

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Phil Media BPHR 180221-1 bis -6
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 72

Knut Weber, in Köln aus­ge­bilde­ter öster­re­ichis­ch­er Cel­list und Orch­ester­vor­stand der Berlin­er Phil­har­moniker, brachte es auf den Punkt: Der schei­dende Chef­dirigent Simon Rat­tle, den in sein­er bish­eri­gen Rolle nun Kir­ill Petrenko beerbt, sei der Gege­nen­twurf zum Domp­teur. Dem Ein­fluss, den das Orch­ester in sein­er 136-jähri­gen Geschichte selb­st auf seine Diri­gen­ten ausübte, wiede­rum räumte der Brite, der für die Berlin­er 16 Jahre am Pult stand, bre­it­en Raum ein. Sein Dia­log mit den Musik­ern war von Anfang an ganz natür­lich und so par­itätisch wie mög­lich; gegenüber den Orch­ester­mit­gliedern zeigte er sich beratung­sof­fen.
Die oblig­a­torische Ehrung von Simon Rat­tle zu seinem lan­gen Abschied von Berlin schließt dankenswert­er­weise auch eine groß dimen­sion­ierte, glanzvolle Veröf­fentlichung von Ton- und Bil­dauf­nah­men durch das Orch­ester ein. Die umfan­gre­iche Edi­tion, beste­hend aus fünf Audio-CDs und ein­er Video-Blu-ray-Disc, die die zen­tralen Tournee­orte der let­zten Asien-Reise mit Rat­tle ein­drucksvoll abar­beit­et, set­zt auf die Außen­wirkung der Phil­har­moniker und doku­men­tiert gle­ichzeit­ig die weitest­möglich von Berlin ent­fer­n­ten Konz­er­tauftritte in auf­nah­me­tech­nisch berück­ender Qual­ität, was angesichts der unter­schiedlichen akustis­chen Bedin­gun­gen in den Konz­ert­sälen von Hongkong, Wuhan, Seoul und Tokio nicht leicht zu real­isieren gewe­sen sein dürfte.
Im Fall der japanis­chen Auf­führung von Rach­mani­nows 3. Sin­fonie wird der von Diri­gent und Musik­ern gle­icher­maßen durch­dachte Ansatz beson­ders deut­lich: Die durch und durch roman­tis­chen, har­monisch kom­plex­en Tut­ti-Pas­sagen schwellen in den Piano- wie in den Forte-Teilen bar jeglich­er Übertrei­bung glutvoll auf und ab und den­noch in einem Gle­ichgewicht, wie es sich der Kom­pon­ist selb­st gewün­scht haben mochte. Lei­der gelingt es Rat­tle in Tokio nicht, Brahms’ 4. Sin­fonie von ihrem sich dem Hör­er gele­gentlich mas­siv auf­drän­gen­den Schön­heitswillen und den Kom­pon­is­ten von jen­er behäbi­gen Geschicht­slastigkeit zu befreien, die ihn an die Zeit der kaiser­lichen Impe­rien fes­selt.
Mit Japan und seinen Musik­man­agern verbindet das Berlin­er Orch­ester eine lange Fre­und­schaft seit dem ersten Konz­ert 1957, was sich an der Zahl der dort Ende Novem­ber 2017 aufgenomme­nen Wer­ke spiegelt: Richard Strauss’ Don Juan ste­ht neben Bartóks von Yuja Wang bril­lant umge­set­ztem Klavierkonz­ert Nr. 2, ergänzt von Straw­in­skys Bal­lett Petr­usch­ka, der Rach­mani­now-Sym­phonie und von Chorós Chordón. Let­zteres ist eines der jüng­sten Werke der in Berlin leben­den, beson­ders auf das Schlag­w­erk im Orch­ester set­zen­den süd­ko­re­anis­chen Kom­pon­istin Chin Un-suk, dessen Urauf­führung in Seoul im Novem­ber 2017 auf der Video-Blu-ray mitzuer­leben ist.
Die Opu­lenz der Bilder der Videoauf­nah­men greift auf das 124-seit­ige Bei­heft (Buch!) über. Es ver­mit­telt die gewach­sene Begeis­terung des Pub­likums im fer­nen Osten eben­so wie des Orch­esters und nur einen Hauch von Kul­turkolo­nial­is­mus: Etwas weniger wäre auch gut gewe­sen.
Hanns-Peter Med­er­er