Mozart, Wolfgang Amadeus

The 5 Violin Concertos

David Grimal (Violine), Les Dissonances

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Les Dissonances LD006
erschienen in: das Orchester 07-08/2015 , Seite 73

Ein opu­lent aus­ges­tat­tetes Buch in Englisch und Franzö­sisch begleit­et die vor­liegende neue Gesamtein­spielung von Mozarts Vio­linkonz­erten, die am 1. März 2014 live in der Paris­er Cité de la musique mit­geschnit­ten wurde. Lei­der jedoch ist der äußere Schein mehr als der fak­tis­che Gehalt – die Book­let­beiträge (mit teil­weise min­der­w­er­ti­gen Über­set­zun­gen aus dem Franzö­sis­chen ins Englis­che – deutsche Begleit­texte fehlen) bieten nicht jene Tiefe, die man sich als Leser erhofft hätte. Eine Bezug­nahme auf all jene Werke, die die fünf Vio­linkonz­erte umgeben (inklu­sive dem Ada­gio KV 261, dem Ron­do KV 261a oder den Ser­e­naden mit Vio­lin­so­lo, gar nicht zu sprechen vom Con­cer­tone und den Sin­fonie con­cer­tan­ti), unterbleibt eben­so wie eine ver­tiefte Erkun­dung von his­torischen Auf­führungs­be­din­gun­gen, Spiel­tech­niken oder Beset­zun­gen.
Beson­dere Qual­ität der Inter­pre­ta­tio­nen ist eine große Frische und Leb­haftigkeit, die an Ein­spielun­gen der 1970er oder frühen 1980er Jahre denken lassen. Große Durch­hör­barkeit ist die natür­liche Kon­se­quenz der dig­i­tal­en Auf­nah­me­tech­nik. Natür­liche Phrasierung und möglichst plas­tis­che Her­ausar­beitung des musikalis­chen Mate­ri­als sind die vielle­icht offenkundig­sten Qual­itäten des Solis­ten David Gri­mal und seines 2004 gegrün­de­ten Ensem­bles Les Dis­so­nances.
Gri­mal ver­sucht (dies wird in einem im Book­let abge­druck­ten Essay aus­führlich erläutert), einen „undog­ma­tis­chen neuen Zugang zu find­en“, doch gerät seine Inter­pre­ta­tion dage­gen zu dem Ver­such eines Spa­gats, tra­di­tionelle inter­pre­ta­torische Sichtweisen und his­torisch informierte Auf­führung­sprax­is zu verbinden. Wed­er kann Gri­mal jedoch (der sich von Brice Pauset neue Kaden­zen hat schreiben lassen) als Solist mit den größten Geigern der Ver­gan­gen­heit mithal­ten noch mit den bedeutends­ten Expo­nen­ten der his­torisch-informierten Szene.
Die zwei CDs wer­den ergänzt um eine DVD, auf der die fünf Werke (in den iden­tis­chen Inter­pre­ta­tio­nen) auch eine visuelle Präsen­ta­tion erfahren. Stärk­er noch als auf den CDs wird hier offen­bar, dass die Orch­ester­musik­er den his­torisch informierten Ansatz mehr verin­ner­licht haben als der Solist und Leit­er. Beson­ders fällt Gri­mals extrem stark aus­geprägtes (fast) Dauervi­bra­to auf, das nicht als Stilmit­tel, son­dern nahezu durchge­hend als Selb­stver­ständlichkeit (und damit im schlimm­sten Sinne kon­ven­tionell) einge­set­zt wird.
Dass einige sein­er Phrasierungsentschei­dun­gen min­destens diskus­sions­fähig sind, beein­trächtigt die Inter­pre­ta­tio­nen im Ver­gle­ich hierzu nur wenig – stärk­er wirkt hier die Präsenz aller Stim­men, die Intim­ität und orches­tralen Ges­tus in erfreulich­er Lebendigkeit miteinan­der verbindet. Wer undog­ma­tisch eine frische, auf­nah­me­tech­nisch auf neuestem Stand darge­botene Inter­pre­ta­tion der fünf Konz­erte sucht, kommt hier auf seine Kosten.
Jür­gen Schaar­wächter