Rösch, Thomas (Hg.)

Text, Musik, Szene — Das Musiktheater von Carl Orff

Symposium Orff-Zentrum München 2007

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2015
erschienen in: das Orchester 07-08/2015 , Seite 65

Die 16 wis­senschaftlichen, durch­wegs ver­ständlich for­mulierten Beiträge span­nen einen Bogen vom Bühnen­er­stling des knapp 18-jähri­gen Orff, Gisei – Das Opfer, zum stark selb­stre­f­eren­ziellen let­zten Werk De tem­po­rum fine comoe­dia. Es ergibt sich so, über die sorgfälti­gen Einze­l­analy­sen hin­aus, ein voll­ständi­ges Bild von der Eige­nart und Entwick­lung dieses Kom­pon­is­ten, der vor allem für die Bühne schrieb und deut­lich mehr Neues entwick­elt hat als das Schul­w­erk, das seinen Namen trägt.
Bee­in­flusst von Debussy, Puc­ci­ni und Mahler und deren Hang zur Exotik greift Orff schon als junger Auto­di­dakt zu altertüm­lichen Stof­fen und außereu­ropäis­chen Instru­menten. Die Begeg­nung mit Brecht 1924 und seinem epis­chen The­ater hin­ter­lässt Spuren: Orff denkt bere­its in seinen „Werk­büch­ern“ auf Texte Brechts an den Chor als Büh­nenkollek­tiv, dessen Tex­trez­i­ta­tion ver­ständlich und wirkungsvoll zu sein hat.
Sabine Hen­ze-Döhring beschreibt Orffs Arbeitsweise während der Nazi-Dik­tatur in ihrem Beitrag als Fähigkeit, „Kun­st zu schaf­fen, die sich ‚verkaufte‘, ohne sich dabei zu ‚verkaufen‘.“ Für Die Kluge (Urauf­führung 1943) set­zt er sein eigenes Libret­to aus Sprich­wörtern zusam­men. Mit Blick auf die the­atralis­che Auf­führung sein­er Werke reduziert Orff den musikalis­chen Anteil immer ziel­stre­biger. „Die für die Wirkung der Musik zen­tralen kom­pos­i­torischen Para­me­ter sind Rhyth­mus, Klang und ein von Orff speziell ange­wandtes Ver­fahren der Mon­tage.“ Er hat klare Vorstel­lun­gen von der szenis­chen Aus­sage. Eine Fig­ur wie der König in der Klu­gen ver­hält sich nicht „opern­haft“, indem er etwa eine Arie sänge, son­dern „archaisch“: „Er reißt sich den Man­tel ab und begin­nt einen wilden Tanz“, so eine Szene­nan­weisung.
Jür­gen Mae­hder zeich­net in sein­er Unter­suchung der Antikenopern (Antig­o­nae, Oedi­pus der Tyrann und Prometheus) die Entwick­lung von Orffs Schlagzeu­gorch­ester nach. Hier wird plau­si­bel, wie Orff deklamierte Sprache und instru­men­tale Begleitung klan­glich und struk­turell aufeinan­der abstimmt. Mae­hder sieht den Wider­spruch zwis­chen asi­atis­chem und afrikanis­chem Instru­men­tar­i­um und griechis­chen Dra­men gelöst: Ger­ade die Glob­al­ität der Klänge spiegele „die All­ge­me­ingültigkeit der ver­han­del­ten Kon­flik­te“.
Die Qual­itäten des pop­ulärsten Werks von Carl Orff, der Chor „O For­tu­na“ aus Carmi­na Burana, hebt Bernd Edel­mann her­vor, indem er die Rezep­tion­s­ab­wege in der Wer­bung pointiert analysiert.
Dieses hochw­er­tig hergestellte Buch hält, was es ver­spricht: Es zeigt die vom Büh­nenkom­pon­is­ten Carl Orff bewusst gestal­tete the­atralis­che Verbindung von Text, Musik und Szene, in der die Musik zugun­sten der Gesamtwirkung in ihren Mit­teln streng dosiert ist.
Iris Win­kler