Temporal Variations

Music for Oboe and Piano between 1935 and 1941

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite 92.539
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 76

Wie gut, dass die Oboistin Bir­git Schmieder nach fün­fzehn Orch­ester­jahren bei den Berlin­er Sym­phonikern ihrer Sehn­sucht nach “mehr kün­st­lerisch­er Selb­st­bes­tim­mung” und “Neugi­er auf Neues” nach­gab. 1999 quit­tierte sie ihren Orch­es­ter­di­enst, lehrt sei­ther als Pro­fes­sorin an der Ham­burg­er Hochschule für Musik und The­ater und durch­forscht den kam­mer­musikalis­chen Kos­mos ihres Instru­ments. So machte sie allein sechs Werke für Oboe und Klavier aus­find­ig, die in jenen unheil­vollen Jahren ent­standen, als die braune Bar­barei um sich griff, den Zweit­en Weltkrieg aus­löste und Europa in die Zange nahm.
Den Titel ihres Recitals – Tem­po­ral Vari­a­tions (zeitweilige Veränderungen/Veränderungen der Zeit) – entlieh sie einem Vari­a­tio­nen­werk für Oboe und Klavier, das Ben­jamin Brit­ten 1936 schrieb, als der spanis­che Bürg­erkrieg aus­brach. Wenn es zutrifft, dass Kom­po­si­tio­nen immer (auch) Doku­mente der Daseins­be­din­gun­gen ihrer Zeit sind – Adorno sprach von “bewusst­los­er Geschichtss­chrei­bung” –, so dürften Brit­tens Two Insect Pieces über Grashüpfer und Wespe als Fabeln zu ver­ste­hen sein: Volten wider die Unberechen­barkeit und Stech­lust.
Aus seinem Amt ver­trieben, schuf Paul Hin­demith in den USA fern aller “Weltan­schau­ungsmusik” sein soge­nan­ntes Sonaten­werk: Stu­di­en- und Vor­tragsstücke für etliche Melodie­in­stru­mente mit Klavier. Dazu zählen auch eine Sonata for Oboe and Piano (1938) und eine Sonata for Eng­lish horn and Piano (1941). Dem Wesen­sun­ter­schied der Blasin­stru­mente entsprechend gibt sich die Oboen-Sonate eher (vor)witzig und ver­spielt, während die sechs Episo­den der Englis­chhorn-Sonate erin­nerungs­selig oder traumver­loren anmuten.
Im Jahr des Kriegsaus­bruchs, vor sein­er Depor­ta­tion nach There­sien­stadt, kom­ponierte der Janácek-Schüler Pavel Haas eine Suite für Oboe und Klavier. Sie ging wohl aus ein­er Kan­tate her­vor, die sich gegen die Annek­tierung Böh­mens und Mährens richtete. Die Suite hüllt den Protest in die Äsop-Sprache der tönen­den Anspielung: Gegen Ende des zweit­en Satzes erklingt das Hus­siten-Lied Wer seid ihr, Gottesstre­it­er?, im let­zten der Choral des Heili­gen Wen­zel. Die Oboen­melodik in den langsamen Par­tien des Kopf­satzes erin­nert an Syn­a­gogenge­sang.
Eine Ent­deck­ung ist auch das zeit­gle­ich ent­standene Con­certi­no for Solo Oboe and Piano Accom­pa­ni­ment des Griechen Nikos Skalkot­tas. In den 1920er Jahren Schüler Buso­nis und Schön­bergs in Berlin, zog er sich 1933 in seine Heimat zurück. Unter der deutschen Beset­zung wurde er als Wider­stand­skämpfer verdächtigt und mis­shan­delt. Sein dreisätziges Werk trägt die Hand­schrift eines mediter­ra­nen Kom­pon­is­ten, der die Zwölfton­tech­nik unortho­dox hand­habt. Dabei gibt er neok­las­sis­chen und folk­loris­tis­chen Anre­gun­gen nach, was sich nicht zulet­zt in tänz­erisch­er Rhyth­mik äußert. Musikalisch und spiel­tech­nisch sind bei­de Instru­mente enorm gefordert, was sich die Oboistin und ihre hochsen­si­ble Klavier­part­ner­in Akiko Yamashita nir­gends anmerken lassen. So soll es sein!

Lutz Lesle