Boettger, Andreas

taataa! Rhythmus lesen und hören

Lehrbuch zur rhythmischen Gehörbildung mit 444 Übungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Carus, Stuttgart 2012
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 64

Wer jemals zufäl­lig auf die Inter­net­seite www.taataa.net ger­at­en sollte, der wird sich sehr wun­dern, wäh­nt sich wom­öglich in einem dadais­tis­chen The­ater­stück. Meist jün­gere Men­schen mit Knopf im Ohr dirigieren dort nach Metronom vor sich hin und ver­bal­isieren dabei unter­schiedlich­ste Rhyth­men auf einem Ton: ta ta taaa tatatataaa taa…
Dieser Inter­ne­tauftritt mit seinen ins­ge­samt 444 Übun­gen ist der virtuelle Teil ein­er neu erschiene­nen Rhyth­muss­chule von Andreas Boettger, seines Zeichens Schlagzeug­pro­fes­sor und Lehrer für rhyth­mis­che Gehör­bil­dung an der Musikhochschule in Han­nover. Das zu den kurzen Fil­men gehörende Buch, in dem der Autor seine langjährige päd­a­gogis­che Erfahrung in der Rhyth­muss­chu­lung zusam­men­fasst, erläutert das im Inter­net (oder auf dem Smart­phone) Gese­hene, liefert die the­o­retis­chen Hin­ter­gründe dazu und bietet die entsprechen­den Nota­tio­nen.
Da die Musik­the­o­rie in der Regel ihren Schw­er­punkt auf die Para­me­ter Melodie und Har­monie legt und auch im Bere­ich der Gehör­bil­dung die Inter­valle und Akko­rde im Mit­telpunkt ste­hen, gerät der Rhyth­mus in der musikpäd­a­gogis­chen Arbeit leicht ins Abseits. Er wird viel zu sel­ten grundle­gend gelehrt, vieles an ihm bleibt im Vagen und Unge­fähren. „Tri­ole kann ich nicht“, heißt es dann schnell und: „Von Quin­tolen wird mir schlecht“. Eine Schneise in diese oft unbekan­nte und mitunter als feindlich emp­fun­dene Welt der Rhyth­men schlägt Andreas Boettger mit seinem neuen, mul­ti­me­di­al präsen­tierten Schul­w­erk.
Meines Wis­sens liegt hier­mit erst­mals eine Veröf­fentlichung vor, die sich sys­tem­a­tisch und fundiert in die rhyth­mis­che Gehör­bil­dung einar­beit­et und selb­st für kom­plex­este rhyth­mis­che Phänomene prob­lem­lösende Strate­gien bietet. Die vorgeschla­ge­nen Übun­gen kön­nen sowohl als Gehör­bil­dungsauf­gaben als auch als prak­tis­che Etü­den bear­beit­et wer­den. Man nähert sich den rhyth­mis­chen Prob­le­men dabei nicht allein auf rein math­e­ma­tis­ch­er Ebene, son­dern selb­st kom­plizierte Zeitüber­lagerun­gen wer­den durch Grafiken und Kör­per­bezüge sinnlich wahrnehm- und nachvol­lziehbar gemacht. Das Prinzip dabei ist, dass Dirigier­be­we­gun­gen ein Tak­traster über einem in der Kör­per­mo­torik präsen­ten Grund­puls bilden, in das die Rhyth­men einge­fügt wer­den.
Adres­sat­en von taataa! sind Musik­studierende, Musik­er und Musikpäd­a­gogen, auf­grund des let­ztlich doch sehr hohen Abstrak­tion­s­grades ist ein Ein­satz als Regelschul­w­erk in der Musikschule sich­er nur in Aus­nah­men zu empfehlen. Für die dor­ti­gen The­o­rie- und Gehör­bil­dungslehrer
ist taataa! aber unbe­d­ingt eine Empfehlung. Sie kön­nen Boettgers Konzept bestens in den Unter­richt der stu­di­en­vor­bere­i­t­en­den Kurse inte­gri­eren. Verzah­nt mit den üblichen Lehrin­hal­ten wirken die Rhyth­musübun­gen dort auflock­ernd und bere­ich­ernd, neben­bei wer­den die Grund­la­gen des Dirigierens gelehrt. „Tri­ole kann ich nicht“, dies wird kün­ftig als Ausrede nicht mehr akzep­tiert!
Stephan Froleyks