Gustav Mahler

Symphony Nr. 6

MusicAeterna, Ltg. Teodor Currentzis

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 19075822952
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 72

Ein sibirisches Orch­ester, das mit ein­er Auf­nahme von Gus­tav Mahlers sech­ster Sym­phonie auf den deutschen Schallplat­ten­markt drängt – das mutet skur­ril an. Die Geschichte des Ensem­bles Musi­cAeter­na und seines griechis­chen Diri­gen­ten Teodor Cur­rentzis ist jedoch eine beson­dere.
Cur­rentzis, Jahrgang 1972, ist Diri­gent und Schaus­piel­er und wird seit einiger Zeit als neuer Heils­bringer der klas­sis­chen Musik gehan­delt. Extreme Ansicht­en, extreme Inter­pre­ta­tio­nen, exzen­trisches Auftreten. „Ein genialis­ch­er Tanzbär, der poltert und prustet, wild gestikuliert und her­risch auftrumpft“, schrieb der Tagesspiegel. Springer­stiefel mit roten Schnürsenkeln. Seine Konz­erte und Auf­nah­men spal­ten, begeis­tern.
Cur­rentzis hat am St. Peters­burg­er Kon­ser­va­to­ri­um Dirigieren studiert und war dann Chefdiri­gent an der Oper in Nowosi­birsk, ab 2011 Musikdi­rek­tor in Perm, ein­er Stadt mit ein­er Mil­lion Ein­wohn­ern. Das dor­tige Orch­ester hob er auf ein Niveau, das es tauglich für Konz­ert­tourneen nach Europa, Japan und in die USA machte. Nach mehreren Jahren als erster Gast­diri­gent des SWR Sin­fonieorch­esters Baden-Baden und Freiburg debütierte der Grieche 2017 bei den Salzburg­er Fest­spie­len und ist seit Sep­tem­ber 2018 Chefdiri­gent des vere­inigten SWR Sym­phonieorch­esters.
Mit Musi­cAeter­na hat sich der vom Mag­a­zin Opern­welt als „Diri­gent des Jahres 2016“ aus­geze­ich­nete Cur­rentzis ein bre­ites Reper­toire erar­beit­et und nicht weniger als 14 Auf­nah­men vorgelegt. Einen Schw­er­punkt bildet dabei die his­torisch informierte Auf­führung­sprax­is. Der Tourneeplan ist dicht gefüllt. Man fragt sich, ob es in Perm eigentlich noch einen Spiel­be­trieb gibt. Die Orch­ester­mit­glieder sind ver­hält­nis­mäßig jung und bis in die Haar­spitzen motiviert, wie ein YouTube-Video der drit­ten Mahler-Sym­phonie nahe legt. Ihre spielerischen Fähigkeit­en sind, das lässt sich anhand der Ein­spielung der Sech­sten jeden­falls sagen, exzel­lent. Da gibt es keine Ein­bußen, auch nicht in den kräftezehren­den Bläser­pas­sagen.
Dass sich über die Inter­pre­ta­tion dieser wohl dunkel­sten Mahler-Sym­phonie stre­it­en lässt, gehört wohl zum Sys­tem Cur­rentzis. Die ohne­hin schon schrof­fen Ton­klip­pen wer­den hier noch ein­mal geschärft, die Klangge­birge noch pathetis­ch­er aufgetürmt, als man es von anderen CDs ken­nt. Zarte Momente erklin­gen noch zarter, noch leis­er. Der Grieche set­zt auf Gegen­sätze und unge­wohnte Tem­powech­sel – ver­liert dabei aber immer wieder den Zusam­men­hang. Manche Instru­mente sind über­präsent, die Hörn­er ger­at­en dafür in den Hin­ter­grund.
Die berühmten Mahler’schen Momente der Ruhe und Entrück­ung zele­bri­ert Cur­rentzis mit impres­sion­is­tis­chem Klangza­uber – auch das ist eine Drehung zu viel an der Exzen­trikschraube. „Nor­male“ Pas­sagen gibt es freilich auch, und natür­lich hin­reißende, ger­ade im langsamen Satz, der sich zu höch­ster Ekstase auf­schwingt.
Auf die Erfahrun­gen des SWR Sym­phonieorch­esters mit einem „Jun­gen Wilden“ der Szene als Chefdiri­gent darf man jeden­falls ges­pan­nt sein. Die Kol­le­gen vom MDR haben, so hört man, am Ende der Ära Krist­jan Järvi im ver­gan­genen Jahr erst ein­mal durchgeat­met.
Johannes Kil­lyen